Der Tagesspiegel : Manfred Stolpe im Gespräch: Vom Aschenputtel zum I-Tüpfelchen Berlins

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Bringt die Bundesgartenschau, die morgen für Alle ihre Pforten öffnet, den Durchbruch für Potsdam?

Er zeichnet sich bereits ab. Potsdam hat sich in den letzten Monaten deutlich verändert, nicht nur im Stadtbild, auch die Stimmung in der Bevölkerung: Die Potsdamer sind aufgeschlossener, selbstbewusster geworden. Sie spüren, dass sie in einer der erfolgreichsten Städte Ostdeutschlands leben. Die Bundesgartenschau ist der Blumenkranz für diesen Aufbruch.

Potsdam hatte nach der Wende einen schwierigen Start. Ist der Rückstand zu anderen ostdeutschen Hauptstädten wie Dresden und Erfurt aufgeholt?

Die Städte sind sehr unterschiedlich, der direkte Vergleich schwierig. Zudem genießen Dresden und Erfurt seit langem eine Massivförderung, wie sie Potsdam bis zum heutigen Tage nicht erfährt, auch nicht bekommen wird. Auch nicht braucht, wie ich glaube. Potsdam hat ein anderes Pfund: Die Nähe zu Berlin, vor allem zum Westteil.

Potsdam profitiert vom alten West-Berlin?

In den ersten Jahren nach der Wende war das zunächst ein Problem: Potsdam war durch diese Nachbarn, das reiche Zehlendorf, den Grunewald, zum Aschenputtel gestempelt. Aber jetzt ist die Stadt dabei, ihre Rolle neben Berlin zurückzugewinnen und als Chance zu nutzen. Ich merke es daran, wie sich in Berlin die Potsdam-Reflexionen wandeln: Man spürt dort, dass dieses Potsdam hinter der Stadtgrenze etwas ganz Besonderes ist: Das I-Tüpfelchen Berlins.

Sie leben seit 1959 hier, haben die zweite Stadtzerstörung unter der SED miterlebt. Was bedeutet Ihnen Potsdam?

Das lange Miterleben und Miterleiden - bis hin zur Sprengung der Garnisonkirche - hat bei mir zu einer geradezu existenziellen Bindung geführt. Potsdam ist, ohne Geburtsort zu sein, meine Heimatstadt.

Was freut Sie, was stört Sie an Potsdam?

Mich stört jeder Dreckfleck. Mich stört die grässliche Lücke in der Stadtmitte, wo früher das Schloss stand. Aber ich sehe auch, wie es vorangeht, ich spüre Aufbruchstimmung. Das freut mich am meisten.

Haben Sie einen Lieblingsort in Potsdam?

Ich spaziere gern durch den Park Sanssouci: Vom Seiteneingang nahe dem Kaiserbahnhof am Hippodrom vorbei. Dort vermisse ich den Großen König, der wieder Unter den Linden steht. Nur ein Blick auf das Schloss - und zurück: Also Sanssouci sehen, wieder nach Hause gehen, nicht sterben.

Kann die Buga mithelfen, das verbreitete Bild vom intoleranten, fremdenfeindlichen Brandenburg zu korrigieren?

Ich hoffe es. Potsdam war, was im Stadtbild sichtbar wird, in seiner Geschichte eine internationale Stadt. Sie kann, ja muss sich als gastfreundliche, weltoffene Hauptstadt präsentieren, wie es auch das ganze Land noch besser tun muss.

Die Potsdamer zeichnen sich nicht gerade durch Herzlichkeit aus. Es gibt viele Klagen über unfreundliche Bedienung in Handel und Gastronomie.

Hier muss sicher noch manches besser werden. Aber die Menschen lernen, vielleicht auch durch ökonomischen Druck, dass sich Gastfreundschaft auszahlt.

Sie preisen gern preußische Tugenden wie Toleranz und Weltoffenheit. Liegt es am gestörten Verhältnis der Brandenburger zu ihrer Geschichte, dass sie sich so schwer durchsetzen?

Geschichte ist keine direkte Erbmasse. Es gibt eben nicht das Preußen-Gen, das sich von Generation zu Generation überträgt: Die Menschen sind geprägt durch ihre Verhältnisse. Die guten preußischen Traditionen konnten vielleicht im 19. Jahrhundert am intensivsten erfahren werden. Darauf kann man nicht mehr aufbauen.

Ist der Aufbau preußischer Wahrzeichen wie Stadtschloss und Garnisonkirche ein Weg, den Stolz auf preußische Traditionen zu befördern?

Ja, wenn die Bevölkerung das mitträgt. Ich bin optimistisch, dass das beim Aufbau des Stadtschlosses gelingen kann. Zögerlich bin ich bei der Garnisonkirche.

Der Förderverein, der bereits acht Millionen Mark gesammelt hat, will den Grundstein für den Kirchturm im nächsten Jahr legen.

Ich meine, dass die Garnisonkirche eines Tages wieder zur Silhouette Potsdams gehören wird. Aber ich sehe im Moment keine Mehrheit der Potsdamer für das Vorhaben. Deshalb: Erst Schloss, dann Kirche.

Was ist beim Schloss anders?

Durch das "dicke Haus" und eine vernünftige Nutzung wird Potsdams Mitte geheilt. Da fällt eine Identifikation leichter.

Sollte der Grundstein für das Stadtschloss bis 2004 gelegt werden?

Ich bin dafür und halte das auch für möglich. Anders als Berlin, wo ja auch um den Aufbau des Stadtschlosses gerungen wird, ist Potsdam in der glücklichen Lage, dass es einen Grundsatzbeschluss des Stadtparlaments gibt und nach einer tragfähigen Nutzung gesucht wird.

Potsdam kann auf alte Wahrzeichen wie Schloss, Garnisonkirche, Kanal nicht verzichten?

Nein, denn sie haben mit der Identität, mit dem Gesicht der Stadt zu tun, auch der schon erwähnten besonderen Rolle neben Berlin. Es wäre ein Frevel, Potsdam ein modernes Antlitz geben zu wollen. Aber wir sind nicht verurteilt, alles Stein um Stein wieder originalgetreu zu errichten. Es muss nicht das Schloss sein, wie es einmal war.

Die Millionenspritze für die Bundesgartenschau hat die jahrelange Vernachlässigung Potsdams durch das Land etwas kompensiert. Wird Potsdam nach dem Großereignis wieder einen Einbruch erleben?

Der Stadt droht nicht das Cottbus-Trauma. Dafür ist der Standort zu günstig. Potsdam hat auch ohne Buga eine faszinierende Attraktivität: Die Bundesgartenschau ist "nur" die Krönung.

Also ist Potsdam ein Selbstläufer?

Die Stadt hat frühere Blockaden abgeschüttelt, Hemmnisse abgestreift. Potsdam bewegt sich, kann sich im Interesse des Landes noch schneller bewegen: Ein Selbstgeher, noch kein Läufer.

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