Marburger Bund : Krankenhausärzte beklagen Überstundenberge

Laut einer Umfrage des Marburger Bundes herrscht unter deutschen Krankenhausärzten große Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen. Viele erwögen einen Wegzug ins Ausland, so der Chef der Ärztegewerkschaft, Montgomery.

BerlinDie Ärzte an deutschen Krankenhäusern leiden so sehr unter ihren Arbeitsbedingungen, dass jeder zweite den Job lieber umgehend an den Nagel hängen würde. Viele beklagen überlange Arbeitszeiten und millionenfach unvergütete Überstunden, ergab eine repräsentativen Umfrage, zu der die Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) ihre Mitglieder befragen ließ.

Der MB-Vorsitzende Frank Ulrich Montgomery, der die Ergebnisse in Berlin präsentierte, äußerte heftige Kritik an den Arbeitsbedingungen. "Die Arbeitgeber scheren sich einen Dreck um das Arbeitszeitgesetz." Systematisch werde seit Jahren auch gegen tarifvertragliche Vereinbarungen verstoßen. Dies sei "Ausdruck verantwortungsloser Verwaltungen". Hauptleidtragende der Überlastung seien neben den Ärzten die Patienten.

90 Prozent der Ärzte erhalten Überstunden nicht vergütet

In 59 Prozent der Krankenhäuser werden der Umfrage zufolge die tariflichen oder gesetzlichen Höchstarbeitszeiten nicht eingehalten. Rund 90 Prozent der Ärzte erhalten ihre Überstunden nicht oder nur teilweise vergütet. 93 Prozent fordern eine bessere Bezahlung. Der MB hatte 2006 in massiven Streiks eigene Tarifverträge für die Krankenhausärzte erstritten, die er aber missachtet sieht.

Ärzte in Ostdeutschland sind nach den Worten des MB-Chefs von schlechten Arbeitsbedingungen besonders betroffen. Sie müssten "für weniger Geld signifikant mehr arbeiten". 45 Prozent von ihnen leisten nach eigener Aussage wöchentlich zwischen 60 und 69 Überstunden. Im Westen sind dies 39 Prozent.

Montgomery: Ärzte subventionieren Gesundheitssystem mit einer Milliarde Euro

Durchschnittlich 36 Überstunden machte jeder der befragten Mediziner laut Umfrage. Bei 130.000 Krankenhausärzten in Deutschland ergäben sich hochgerechnet daraus 57 Millionen Überstunden. Nur zehn Prozent davon würden bezahlt. Die Ärzte subventionierten damit das deutsche Gesundheitssystem mit jährlich mehr als einer Milliarde Euro, meinte Montgomery.

Er warnte vor zunehmendem Ärztemangel in den Krankenhäusern. Bereits heute seien 5000 Stellen dort nicht besetzt. "Die Ärzte gehen lieber ins Ausland, als an einem deutschen Krankenhaus zu arbeiten." Würden die Missstände nicht abgestellt, rechne er mit wachsender Kampfbereitschaft der MB-Mitglieder, sagte Montgomery mit Blick auf die Ende kommenden Jahres anstehende nächste Tarifauseinandersetzung.

An der Befragung im Juni 2007 beteiligten sich nach den Angaben knapp 19.000 Mitglieder des Marburger Bundes. Dies entspreche einem Rücklauf der Fragebögen von etwa 23 Prozent, was als überdurchschnittlich hohes Ergebnis zu werten sei. (mit dpa)