Marburger Bund : "Skandalöse Zustände" an kirchlichen Kliniken

In den bundesweit 720 kirchlichen Kliniken gibt es nach einer Umfrage der Ärztegewerkschaft Marburger Bund große Risiken für Patienten durch zu lange Arzt-Schichten und andere "skandalöse Zustände".

BerlinDie Ärztegewerkschaft klagte darüber, dass die mehr als 30.200 Ärzte in Häusern kirchlicher Trägerschaft im Vergleich zu anderen Kliniken eine viel höhere Arbeitsverdichtung hätten. Dort gebe es gefährliche Marathonschichten, eine schlechtere Bezahlung und einen eklatanten Mangel an Chancen, Familie und Job unter einen Hut zu bringen. Der Marburger Bund hatte 19.000 Beteiligte befragt, darunter 3100 Mediziner mit kirchlichem Dienstgeber.

Der scheidende Gewerkschaftschef Frank Ulrich Montgomery sagte: "Es ist die Spitze der Bigotterie, wenn Kirchen einerseits stets das christliche Menschenbild von Nächstenliebe und Barmherzigkeit predigen, andererseits ihre ärztlichen Mitarbeiter gnadenlos ausbeuten." Während zum Beispiel 66 Prozent der Ärzte in kirchlichen Kliniken Arbeitszeit-Überschreitungen beklagten, waren es anderswo nur 57 Prozent. Der Katholische Krankenhausverband warf dem Bund "gezielt platzierte Schaumschlägerei" vor. Der Evangelische Krankenhausverband verwahrte sich ebenfalls gegen die Vorwürfe.

An kirchlichen Kliniken herrscht Streikverbot

In einem offenen Brief an den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, und den Vorsitzenden des Rats der Evangelischen Kirche, Wolfgang Huber, forderten Montgomery und sein designierter Nachfolger Rudolf Henke Verhandlungen über bessere Bedingungen. 2006 hatte der Marburger Bund nach monatelangen Streiks Tarifverträge für die Universitätskliniken und die kommunalen Klinikärzte erstritten.

Gestreikt werden darf an kirchlichen Kliniken nicht. Verbände wie Caritas und Diakonie gehen tarifrechtlich einen eigenen Weg. Mitarbeiter werden durch paritätisch besetzte Kommissionen an der Gestaltung des Arbeitsvertragsrechts beteiligt. Montgomery und Henke stellten dieses System in Frage, wenn es zu Lasten der Arbeitnehmer gehe. Ein "Sargnagel" sei es, wenn Kirchen weiter Lohndumping durch Leiharbeitsfirmen betrieben.

Nach 18 Jahren an der Marburger-Bund-Spitze tritt Montgomery nicht mehr an. Henke soll an diesem Samstag zum Nachfolger gewählt zu werden. Montgomery sagte, die Frage, ob er - wie spekuliert wird - Ärztekammerpräsident Jörg-Dietrich Hoppe nachfolgt, stelle sich frühestens in dreieinhalb Jahren, wenn Hoppes Amtszeit ausläuft. Als Vizepräsident sei er aber wohl "in der Lage, sowas zu machen", sagte Montgomery. (mit dpa)