Marktwirtschaft : Modell mit Charakter

Carsten Brönstrup

Steigende Preise, Löhne im Sinkflug, im Privaten schnüffelnde Unternehmen und immer gierigere Manager: Eine schlechtere Zeit, unser Wirtschaftssystem zu feiern, hätte sich kaum jemand ausdenken können. Angela Merkel stört das nicht – 60 Jahre soziale Marktwirtschaft in Deutschland sind der Bundeskanzlerin an diesem Donnerstag einen Festakt wert. Dabei finden immer mehr Menschen, dass es immer weniger Grund zum Feiern gibt. Nur noch 31 Prozent haben von der Marktwirtschaft eine „gute Meinung“, zugleich eilt die Linkspartei von Erfolg zu Erfolg. Mit anderen Worten: Viele wittern bereits die asoziale Marktwirtschaft, sie stellen die Systemfrage. Das ist ein Alarmzeichen.

Dabei gehört der gezähmte Kapitalismus zu den Identitätsmythen der Bundesrepublik wie die Fußball-WM 1954 und der VW Käfer. Vor 60 Jahren, im Juni 1948, führten die Alliierten in den westlichen Besatzungszonen die D-Mark ein. Zugleich gab ein fränkischer Professor namens Ludwig Erhard die Preise frei. Mit den Prinzipien Freiheit, Verantwortung und soziale Teilhabe legte er den Grundstein für Deutschlands Wiederaufstieg. Und er half, den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit abzuschwächen. Freiheit war für ihn auch die Verantwortung, sie für andere erträglich zu machen.

Heute berufen sich Politiker fast aller Parteien auf Erhard – am liebsten auf das Motto vom „Wohlstand für alle“. Doch ihm ging es nicht darum, das Soziale möglichst groß zu schreiben und den vermeintlich bedrohlichen Markt im Zaum zu halten. „Je freier die Wirtschaft, um so sozialer ist sie auch“, befand er und sorgte sich, „dass wir in eine gesellschaftliche Ordnung schlittern, in der jeder die Hand in der Tasche des anderen hat.“

Für Erhard konnte sich bis vor wenigen Jahren auch Merkel begeistern. Noch 2005 warb sie in Leipzig für eine „neue soziale Marktwirtschaft“. Und ließ sich von einer Wirtschaftslobby auf einem Plakat mit Zigarre in typisch Erhard’scher Pose abbilden. Doch seit ihre Union bei der Bundestagswahl nicht über 35 Prozent hinauskam, ist diese Leidenschaft erkaltet. Merkel verteilt nun lieber Wohltaten an Rentner und Arbeitslose und errichtet ein Staatsgesundheitssystem, das mit Markt wenig zu tun hat.

Das Paradoxe an ihrer Politik ist, dass die Gesellschaft trotz aller Wohltaten zerfasert – in Arm und Reich, Ost und West. Doch es ist nicht der Markt, der spaltet. Es sind der Staat und seine Institutionen, die die Ungleichheit befördern. Die Bundesbank, das Kartellamt, ein starker Wirtschaftsminister, sie waren zu Erhards Zeiten die Garanten dafür, dass sich der Markt zum Wohle aller entwickelte. Heute hat die Globalisierung die Welt komplizierter gemacht, und es sind andere Institutionen gefragt: leistungsfähige Schulen und Universitäten, ein verständliches Steuersystem, Sozialkassen, die Anreize für Leistung setzen.

All das hat Deutschland nicht zu bieten. Deshalb bekommen viele Menschen gar nicht erst die Chance, ihre Lage zu verbessern, deshalb wachsen die gesellschaftlichen Fliehkräfte. Nicht die Marktwirtschaft ist schuld daran, sondern das System, das sie trägt – das muss die Botschaft Merkels sein. Das heißt nicht, dass der Staat das Soziale klein schreiben soll. Die Gefahr besteht ohnehin nicht, drei von zehn Euro des Inlandsprodukts fließen heute in Sozialleistungen. Das Geld muss nur effizienter eingesetzt werden.

Eine echte Alternative zur sozialen Marktwirtschaft hat zudem keiner. Was wäre das, eine sozialistische Wirtschaft, die fast allen gibt und nur ganz wenigen nimmt, wie Lafontaine glauben machen will? Eine Staatswirtschaft, in der die Regierung die Löhne festlegt und auch die Milchpreise? Gerade die Deutschen wissen, dass solche Modelle nichts taugen. Dass die Marktwirtschaft so schlecht nicht ist, dass sie vor allem reformierbar ist, zeigen die Statistiken. 1,7 Millionen Menschen haben in den letzten zwei Jahren eine neue Arbeit gefunden. Seit 1950 hat sich der Stundenlohn versechsfacht. Sogar von Vollbeschäftigung reden Optimisten wieder. Erinnern wir uns: Noch vor fünf Jahren galt Deutschland als der kranke Mann Europas.

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