Martensteins Kolumne : Gefangen im Letscholand

Ein Neu-Brandenburger mischt sich ein: Harald Martenstein wünscht sich von seiner Regierung aus SPD und Stasi, dass sie die Versorgungslage verbessert und Westreisen wieder erleichtert.

Harald Martenstein
Harald Martenstein.
Harald Martenstein.Foto: dpa

Zu Weihnachten habe ich unter anderem ein sehr schönes Buch über Brandenburg geschenkt bekommen. Der Hintergrund dieses Geschenkes besteht darin, dass ich seit einem Jahr offiziell Brandenburger bin. Das Buch stammt von dem Fernsehmoderator Dieter Moor, er moderiert das Kulturmagazin „titel, thesen, temperamente“, sein Buch heißt „Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht“. Dieter Moor ist Schweizer, zusammen mit seiner österreichischen Partnerin hat er, in meiner Gegend, einen Bauernhof erworben. Eine wichtige Rolle in dem Buch spielt sein Versuch, tief in Brandenburg, der Berliner Speckgürtel zählt da nicht, einen Liter Milch zu kaufen, nur einen einzigen Liter frische Milch, keine H-Milch. Er liebt Brandenburg – trotzdem möchte er Milch trinken.

Im Herbst wollte ich Pilze essen. Brandenburgs Wälder ersaufen in Pilzen. Ich traue mich aber nicht, selber Pilze zu sammeln, ich habe zu wenig Ahnung. Seitdem weiß ich mit Gewissheit: In der Stadt Templin ist es, auch am Markttag, unmöglich, in der Pilzsaison auch nur einen einzigen Pilz käuflich zu erwerben, wahrscheinlich auch dann nicht, wenn du den Menschen 1000 Euro pro Pilz bietest. Sie lehnen den Verkauf von Pilzen als ihnen wesensfremd ab, offenbar gilt der Pilzhandel als dekadent, arrogant, besserwisserisch und typisch westlich. Das Gleiche gilt für Maronen, die ebenfalls überall vorkommen, oder für Mistelzweige. Brandenburgs Bäume biegen sich unter Mistelzweigen, aber um an sie heranzukommen, gibt es nur zwei Wege, eine Leiter oder den Direktimport aus der Blumenabteilung der nächstgelegenen Berliner Karstadt-Filiale. Hungern aber muss bei uns niemand, Schweinekotelett und Letscho sind überall vorhanden. Ich kann nicht begreifen, warum es in Brandenburg eine verbreitete DDR-Nostalgie gibt, wer sich die Versorgung mit Frischwaren des täglichen Bedarfs anschaut, findet dazu keinen Anlass.

Nun müsste ich, um Pilze, Maronen, Lammgulasch oder gar Knoblauch zu kaufen, regelmäßig nach Berlin. Es fahren aber nach Berlin immer weniger Züge. Berlin ist, weil S-Bahn und Bundesbahn, ähnlich wie früher die DDR, seit Jahren ohne regelmäßige Wartungen betrieben wurden, vom öffentlichen Verkehr nahezu abgeschnitten. Zum neuen Jahr wünsche ich mir folglich von meiner Regierung aus SPD und Stasi, dass sie endlich die Versorgungslage in unserer Republik verbessert und Westreisen wieder erleichtert, dann bin ich kein Dissident mehr. Ich komme auch garantiert wieder zurück, es gefällt mir in Brandenburg. Ich möchte mich lediglich „einmischen“, ich will „unbequem sein“. Wer mich aber für einen staatsfeindlichen Hetzer hält und ausweisen will, dem antworte ich: Auch ich habe niemals jemandem geschadet.

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