Martin Demichelis : "Ich sehe die Gegner nicht so gut"

Argentiniens Nationalspieler Martin Demichelis über seine Maske, Messi und die Titelchancen der Bayern.

Martin Demichelis, 29, spielt seit 2003 beim FC Bayern München in der Verteidigung. Beim Länderspiel im März gegen Deutschland prallte der argentinische Nationalspieler mit Michael Ballack zusammen und verletzte sich im Gesicht. Foto: dpa
Martin Demichelis, 29, spielt seit 2003 beim FC Bayern München in der Verteidigung. Beim Länderspiel im März gegen Deutschland...Foto: dpa

Herr Demichelis, Ihr Landsmann ist zur Zeit der beste Fußballer der Welt. Wie wollen Sie Lionel Messi im Champions-League-Finale stoppen?

Im Moment ist das nicht mein Thema. Erst muss Barcelona Mailand schlagen, und dann müssen wir ins Finale kommen. Das wird schwer genug.

Haben Sie je einen Spieler in einer solchen Form erlebt?

Als ich klein war, habe ich Maradona gesehen. Aber seitdem keinen mehr, der in der Lage ist, regelmäßig Spiele alleine zu entscheiden, der 90 Minuten Gefährlichkeit ausstrahlt. Messi steht über allen.

Wie ist es, Messi als Mannschaftskamerad zu haben?

Es ist eine große Freude und auch Stolz. Wenn’s nach mir geht, könnte die WM morgen beginnen – aufgrund der Verfassung, in der Messi spielt. Ich hoffe, dass er die Form bis zur WM halten kann.

Wie ist Ihr Kontakt zu Nationaltrainer Maradona?

Er hat mich nach dem Unfall im Krankenhaus besucht. Seitdem telefoniere ich alle drei, vier Tage mit dem Trainerstab, den Ärzten und Physiotherapeuten.

Sie müssen im Spiel ja immer noch diese Zorro-Schutzmaske tragen.

Der Mund und die rechte Seite sind immer noch taub. Aber ich muss zufrieden sein. Ich habe keine Angst, in Zweikämpfe zu gehen, aber manchmal sagt der Instinkt im Körper: schützen!

Kam das Comeback nur drei Wochen nach dem Jochbeinbruch zu früh?

Es war ein gewisses Risiko. Ein Golfer oder Tennisspieler hätte nicht solche Probleme. Die Maske stört schon. Wenn ich mit dem Ball am Fuß nach vorne laufe, ist es okay. Aber ich sehe die Gegenspieler nicht so gut aus den Augenwinkeln wie ohne Maske. So ist auch das 0:1 von Rooney im Hinspiel gegen Manchester entstanden. Ich muss immer den Kopf drehen, um den Gegner richtig zu sehen.

Bei der WM könnte es zu einem Wiedersehen mit Michael Ballack kommen, der sich nach dem Zusammenprall nicht bei Ihnen gemeldet hat …

Es gibt andere Dinge, die jetzt wichtiger sind. Ich will mir keine Gedanken machen, was wäre, wenn ich wieder auf Ballack treffe.

Der FC Bayern kann das Triple gewinnen, trotzdem gibt es von vielen Seiten Kritik, auch an der Abwehr.

Die Statistik sagt, dass wir die beste Abwehr der Bundesliga haben, oder nicht? Es ist Wahnsinn, was hier beim FC Bayern passiert! Die Leute müssen immer was zum Kritisieren finden. Wir stehen im Champions-League-Halbfinale, im DFB-Pokal-Finale, sind Tabellenführer – und trotzdem gibt es Kritik. Das habe ich noch nicht erlebt. Das ist jetzt nicht die Phase zum Kritisieren. Jetzt brauchen wir Vertrauen und Glauben.

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Saison?

Ich weiß nur, dass in dieser Saison noch kein Spiel verloren ging, wenn ich gespielt habe (bis auf das 2:3 in Manchester, das aber durch das Weiterkommen als gefühlter Sieg zu werten ist, Anm. der Redaktion). Ansonsten war die Saison schwierig, weil ich so viele Verletzungen hatte: zwei Monate Pause nach der Operation am Sprunggelenk, ein Monat Pause nach dem Jochbeinbruch. Du hast keinen Spielrhythmus, musst immer wieder den Anschluss finden.

Jahrelang bildeten Sie mit Lucio ein eingespieltes Team. In dieser Saison musste gewechselt werden, Sie haben andere Nebenleute. Ist es mit Holger Badstuber und Daniel van Buyten grundlegend anders?

Lucio kannte ich schon drei Jahre, bevor wir zusammen diesen Bundesligarekord mit den wenigsten Gegentoren aufgestellt haben. In diesem Jahr hat mal der eine gefehlt, mal der andere, Holger hat mal Mitte verteidigt, mal außen. Wir sind gerade dabei, uns besser abzustimmen. Das war bisher nicht möglich. Ich bin sicher, dass das, falls wir in der nächsten Saison in der gleichen Formation spielen sollten, sehr viel besser aussehen würde.

Es gab Stimmen, die davor gewarnt haben, mit nur drei Innenverteidigern die Belastung von drei Wettbewerben anzutreten. Brauchen Sie Verstärkung, wie auch Franz Beckenbauer unlängst meinte?

Als ich zum FC Bayern kam, gab es auch nur drei: Kuffour, Linke und Kovac. Da stellte sich die Frage nicht. In diesem Jahr hatte ich von allen dreien am meisten Pech. Die letzten zehn Jahre hatte ich praktisch keine Verletzung. Daniel ist auch keiner, der oft verletzt ist, und Holger hat ja fast alle Spiele gemacht. Von daher ist dieses Problem eher konstruiert.

Sie haben noch einen Vertrag bis 2012. Können Sie sich vorstellen, Ihre Karriere hier zu beenden oder zieht es Sie in die Heimat?

Als ich hierherkam, hätte ich nicht gedacht, dass ich es schaffe, mich sieben Jahre lang zu behaupten. Man weiß nie, was für ein Trainer kommt, ob der einen als Spieler mag. Ich versuche, bis zum Vertragsende hier dabei zu bleiben, und dann muss man sehen. Ich habe jetzt auch eine Familie, auf deren Wohl ich Rücksicht nehmen muss. Wenn mich der Verein weiter als wertvoll erachtet, dann kann man ja noch mal hierbleiben. Ansonsten muss man vielleicht auch gehen, vielleicht nach Spanien. Aber mein Karriereende wird wohl eher in Argentinien liegen.

Bis dahin ist noch Zeit. Welcher der drei noch möglichen Titel wäre Ihnen der Liebste?

Ich habe beim FC Bayern ja gelernt, dass die Meisterschaft das Wichtigste ist. Aber die Champions League ist natürlich ein Traum.

Das Gespräch führte Thomas Becker.

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