Matthies meint : Dann doch lieber gleich auf der Straße

Bürger, lasst das Glotzen sein, kommt herunter, reiht euch ein!“ Das war der längst vergessene Versuch der 68er, die Kraft ihrer rituellen Straßendemonstrationen zu stärken – erfolglos, wie wir heute wissen. Vermutlich ein Verständnisproblem. Denn wenn die Organisatoren gerufen hätten: „Public Doing statt Public Viewing!“, dann wären ihnen die Bürger gefolgt und hätten eine Revolution mit allem Drum und Dran inszeniert, Barrikade und Guillotine inklusive. Doch diese aufrüttelnde Sprache, das sogenannte Denglisch, gab es noch nicht.

Die Erkenntnis, dass der Begriff „Public Doing“ nicht nur in der Englischarbeit des Klassentrottels der 9a existiert, sondern tatsächlich in freier Wildbahn – wir verdanken sie dem Verband Deutsche Sprache, der soeben den Deutschen Turner-Bund zum „Sprachpanscher des Jahres“ gekürt hat. Das muss man zugeben: eine verdiente, wenn auch zu späte Ehrung. Denn wer uns Wendungen schenkt wie „Sport for fun beim Six cup mit Public Doing“, der hätte für dieses Gestammel eigentlich sofort vom Notarzt in die nächste Logopädie eingeliefert werden müssen.

Allerdings stecken ehrenwerte Motive hinter den neuen Worten, die unsere Sportfunktionäre mit dem Stolz eines Zweijährigen erfinden, der sich Marmelade ins Gesicht schmiert. Slacklining, Gymmotion, Speedjumping oder Speedminton, nicht zu vergessen das gute, alte Ropeskipping – das sind alles gut gelaunte Versuche, den Turnvater Jahn mitsamt seinem muffigen Geruch nach Umkleideschrank rituell aus der Halle zu jagen. Sogar mit Markenschutz! „Keiner will mitmachen!“, stöhnt der Sportwart, „aber wenn wir zum Public Doing aufrufen?“

Und vor allem: Das sei alles international üblich, sagen die Oberturner jetzt. Man muss sich das so vorstellen: Da kommen Leute aus Neuseeland zur WM, absolute Hinterwäldler, kein Wort Deutsch, und die werden von irgendeinem jungen Menschen in bunten Klamotten zum Mitmachen aufgefordert. Katastrophe! Sagt er dagegen „He, you guys, dis is public doing!“, dann sind sie voll dabei, und links, und rechts, und links und hopp!

Das heißt: Sofern sie begreifen, dass der Begriff tatsächlich „Mitmachen“ bedeuten soll. Es wäre verhängnisvoll, würden sie sich an die Beatles und ihre legendäre Frage erinnern: „Why don’t we do it in the road?“ Denn damit war letzten Endes nichts gemeint, was noch in die Zuständigkeit des Deutschen Tuner-Bundes fiele.

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