Matthies meint : Große Entwürfe bitte erst im September

Eine der zu wenig beachteten Nebenwirkungen des organisierten Fußballs ist das verlängerte Sommerloch. Es geht so: Alle zwei Jahre bleibt der Juni wegen WM oder EM für organisiertes Regieren gesperrt. Merkt ja doch keiner! Dann ist plötzlich Schluss, der Bürger steht fassungslos vor der fußballfreien Glotze und sieht in seinem Leben keinen Sinn mehr – es wäre also grundsätzlich Zeit für große Entwürfe, für den Auftritt politischer Visionäre und die pragmatische Umsetzung des vor der Fußballwoge als richtig und dringlich Erkannten. Doch was passiert? „Och nö“, sagen die Politvisionäre, „sind ja eh gleich Ferien, die großen Entwürfe lassen wir mal bis September liegen.“ Und überlassen den Sommer schon Anfang Juli jenen regierenden Kleindarstellern, die die tote Zeit mit Knalleffekten überbrücken.

Das Endspiel hatte noch nicht einmal begonnen, da war Verkehrsminister Tiefensee schon mit seinem Plan auf Sendung, den Autobahnstau zu verbieten, eine Anregung, die im Fall des Gelingens zweifellos einen Friedensnobelpreis wert wäre. Das müsste klappen, denn im Grunde ist der Weg durch die Erfahrungen mit dem Rauchverbot vorgezeichnet: Erst stoppen wir symbolisch ein paar Elefantenrennen, dann wird auf jedes Stauende ein großes Warnschild geklebt: „Dieser Stau gefährdet Menschenleben und vernichtet volkswirtschaftlichen Reichtum!“ Und im dritten Schritt verbietet der Gesetzgeber einfach generell das Anhalten von Autos auf Autobahnen.

Damit sparen wir unter dem Strich so unfassbar viel Sprit, dass die Debatte über eine Entlastung bei der Mineralölsteuer hinfällig ist. Tiefensee meint ja ohnehin, die sei sinnlos, weil dann nur die „Scheichs, Spekulanten und Ölkonzerne“ die nächste Erhöhung nachlegten. Das ist eine volkswirtschaftlich interessante Theorie, die wir vielleicht dahingehend erweitern sollten, dass Steuerentlastungen generell sinnlos sind, weil das überzählige Geld ohnehin von Aldi, Karstadt und Saturn …

Umgekehrt wird ein Gewinn draus. Die Mineralölsteuer muss erhöht werden, weil das die Scheichs, Spekulanten und Ölkonzerne unter Druck setzt. „Holla“, sagen sie dann, „das macht der deutsche Verbraucher nicht mehr mit, wir müssen unsere Gewinne senken.“ Zack, ist bei konstanten Benzinpreisen der Staatshaushalt ausgeglichen. Und alles wird gut! Na, der Gewinn der Fußball-WM 2010 vielleicht ausgenommen. Aber da fällt Tiefensee sicher auch noch was ein.

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