Matthies meint : Uns zu edler Tat begeistern!

Die erste Strophe des Deutschlandliedes muss man sich als eine kollektive Zwangsvorstellung denken, eine Art geistiges Raubtier im Käfig. Es ist aus naheliegenden historischen Gründen nicht opportun, das Viech herauszulassen; niemand bekennt sich offen dazu, Deutschland über alles andere in der Welt zu setzen, es sei denn, er sei politisch ganz rechts draußen angesiedelt.

Aber irgendwas ist immer, es rumpelt und ruckelt und grummelt, und gelegentlich steigt eine giftig müffelnde Blase an die Oberfläche. Neulich hatte der Liedermacher Stefan Krawczyk vor dem Bundespräsidenten ganz unschuldig die Nationalhymne intonieren wollen, war dabei, ups, in die erste Strophe gerutscht – und der Präsident, so sah es jedenfalls auf den Fernsehbildern aus, sang eine Millisekunde lang mit, bevor der Alarm losging.

Es liegt irgendwie in den Genen, oder? Und nicht nur in den deutschen. Soeben hat der britische Rocksänger Pete Doherty in einer Livesendung des Bayerischen Rundfunks das Programm durch ein vierfaches „Deutschland, Deutschland, über ahalles“ bereichert, allerdings mit ziemlich schwachem Stimmchen. Dann wurde er von der Bühne geholt. Doherty, das muss Uneingeweihten erklärt werden, ist kein Nazi, sondern eher eine Art Drogensozialist, der schon mehr Konzerte verhauen oder abgesagt als unfallfrei durchgestanden hat. Man weiß also nicht genau, was da in München passiert ist, er war als Zuschauer dort und hatte offenbar schon vollgetankt, bevor das kollektive deutsche Unbewusste aus ihm herausbrach. Nun läuft die Debatte, ob es sich um eine gezielte Provokation zugunsten der Freiheit der Kunst gehandelt hat – oder nur einen Rülpser ohne Wert.

Lieber Pete Doherty: Hier wäre ein Kompromiss zwischen Abgrund und Erhabenheit. Die zweite Strophe! Was der alte Fallersleben da gedrechselt hat, klingt heute ein wenig irrelevant, aber bitte: „Deutsche Frauen, deutsche Treue / deutscher Wein und deutscher Sang / sollen in der Welt behalten ihren alten schönen Klang / uns zu edler Tat begeistern unser ganzes Leben lang / Deutsche Frauen, deutsche Treue / deutscher Wein und deutscher Sang!“

Deutsche Frauen, deutscher Wein – zumindest diese beiden Säulen der zweiten Strophe sollten Doherty vertraut sein. Wenn er mal wieder beim Bayerischen Rundfunk vorsingt, hat er mit diesen Versen eine echte Chance, nicht gleich rausgeworfen zu werden.

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