Der Tagesspiegel : Mauerblümchen wird zur Boomtown

Die Einwohnerzahl hat sich auf 40 000 verdoppelt – Falkensee muss nun sogar neue Kirchen bauen

Andreas Wilhelm

Falkensee - Neben dem alten Gemeindehäuschen baut Pfarrer Wolfram Fromke eine neue Kirche. Fromke ist Pfarrer der Kirchengemeinde Heilig Geist, eine von acht Gemeinden auf dem Territorium der Stadt Falkensee. Der Ort hat sich seit dem Fall der Mauer – nach Potsdam – zur angesagtesten Stadt im Speckgürtel Berlins entwickelt. Knapp 40 000 Menschen wohnen mittlerweile in Falkensee – doppelt so viele wie zur Zeit des Mauerfalls.

Die Zuzügler, sagt Fromke, kamen nicht nur aus Westberlin, sondern größtenteils aus den westlichen Bundesländern. Die alte Kirche sei aus allen Nähten geplatzt, sagt Fromke. Von 800 im Jahr 1995 sei die Zahl der Gemeindemitglieder auf 2600 gestiegen. Für einen extravaganten Prunkbau fehlte allerdings das Geld. „Bauen Sie ’ne Art Supermarkt“, habe ihm die Landeskirche mitgeteilt. Und genau so etwas entsteht jetzt in der Siedlung Falkenhagen, eine der nobelsten Gegenden der Stadt dicht am See: Massive Wände, billiges Dach, strapazierfähiger Fußboden. Um den Bau nicht ganz wie eine Kaufhalle aussehen zu lassen, sind die Dachflächen in der Höhe versetzt.

Auch in der katholischen Sankt-Konrad-Gemeinde macht man sich Gedanken, wie man künftig die vielen Kirchengänger unterbringen will. 900 seien es vor der Wende gewesen, weiß Pfarrer Clemens Pullwitt. 2200 seien es heute: „An Feiertagen, wenn kinderreiche Familien kommen, reichen die Bänke in der Kirche nicht mehr aus.“ Pläne für einen Anbau gebe es schon. Doch Bauantrag und Finanzierung seien noch ungewiss.

Im Rathaus von Falkensee sitzt Jürgen Bigalke in seinem Chefsessel und zählt die Tage. Ende Oktober geht seine 17-jährige Amtszeit zu Ende. Grund zu klagen hat der 65-Jährige SPD-Mann nicht. Tatsächlich ist in Brandenburg kein Stadtgebiet so gewachsen. Dabei ist Falkensee gerade mal vor 84 Jahren aus den Dörfern Seegefeld und Falkenhagen zusammengesetzt worden. 1961 hat die DDR-Administration dem Ort das Stadtrecht erteilt. Nach vierzig Jahren im Schatten der Mauer begann der Ansturm. Bei 80 Prozent der Grundstückseigner, sagt Bigalke, standen plötzlich Alteigentümer vor der Tür. „Leute, die ihre Häuser verlassen mussten, zogen ins nahe gelegene Spandau“, sagt Bigalke: „Und besser verdienende Spandauer wollten statt Miete lieber für ein Häuschen im Grünen zahlen.“

Obwohl heute die Zugezogenen zwei Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen – handfeste Ossi-Wessi-Konflikte habe es nie gegeben, behaupten Pfarrer Fromke und Stadtoberhaupt Bigalke unisono: „Querulanten und Neider gibt es allerdings überall mal.“

Falkensee sei nach wie vor beliebt, sagt Bigalke. Auch wenn die Hälfte der Straßen in Falkensee noch unbefestigt ist und erst im nächsten Jahr die Abwasserleitungen an jedem Haus angeschlossen sein sollen. Mit den Bevölkerungszahlen sind auch die Einnahmen gewachsen. Die letzte Amtshandlung von Bigalke steht schon fest: Er wird seinen Abgeordneten einen 62-Millionen-Euro-Haushalt für 2008 vorstellen. Das sei sechs Mal so viel wie zu seinem Amtsantritt, erinnert er sich. 45 Millionen Euro sind schon für den Bau neuer Sportstätten bis zum Jahr 2012 beschlossen. „Nach meinem Abtreten“, meint Bigalke, könne sich „der Neue“, erst mal in Ruhe einarbeiten.

Der Neue heißt Heiko Müller und sieht seine größte Herausforderung darin, die Innenstadt attraktiver zu machen. „Wir wollen erreichen, dass die Leute hier nicht nur in einer schönen Umgebung wohnen“, sagt Müller, der am 1. November den Rathaus-Chefsessel besteigt. „Sie sollen hier auch zum Friseur und Arzt gehen und ihre Einkäufe machen.“ Dass das nicht so einfach sein wird, weiß der künftige Bürgermeister. Wenige Kilometer weiter befinden sich das Einkaufszentrum Havelpark und ein Mode-Center, und um die Ecke in Spandau gibt es auch jede Menge Geschäfte. Eine schicke Innenstadt schnell mal aus der Retorte zu zaubern, sei nicht möglich, die müsse wachsen. „Einen Stadtkern wie zum Beispiel Nauen werden wir nie haben“, glaubt Müller. Und auch die Arbeitsstätten der meisten Falkenseer werden in Berlin bleiben.

Was sich aber ebenfalls nicht ändern wird, ist der Zuwachs in Falkensee. Die Prognose des Landesamtes für Statistik sagt, dass bis zum Jahr 2030 noch einmal 10 000 Einwohner hinzukommen. Dann kann Jürgen Bigalke nach seiner Pensionierung erleben, was für andere märkische Bürgermeister nur Fiktion bleiben wird: rund 500 Einschulungen pro Jahr. Und sein Nachbar, der Pfarrer, wird in seiner Gemeinde zwar jährlich zehn Leute beerdigen – dafür aber 30 Babys taufen.

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