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Interview

„Prahlen und tratschen“

Mann bloggt thematisch, Frau bloggt persönlich. Ein Gespräch mit Medienwissenschaftler Jan Schmidt.
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Jan Schmidt. - Foto: privat
Herr Schmidt, nennen Sie einmal die wichtigsten deutschen Blogger?

Wenn man nach den deutschen Blogcharts geht, wären das Robert Basic aus Frankfurt, Stefan Niggemeier und Christoph Schultheis vom Bildblog und Johnny Haeusler mit seinem Blog Spreeblick.

Das sind alles Männer. In einer kürzlich veröffentlichten Studie kam heraus, dass rund zwei Drittel aller deutschen Blogger Frauen sind. Wieso suchen wir die weiblichen Alpha-Blogger so vergeblich?

Das hat mit der Themenwahl zu tun. Frauen bloggen überproportional häufig über persönliche Erlebnisse – sie schreiben eine Art Online-Tagebuch. Sie bloggen in erster Linie, um ihre Gedanken für sich festzuhalten und sie mit anderen zu teilen. Männer hingegen wollen häufig ihr Wissen mit anderen teilen und bloggen deshalb über Themen, die für eine größere Masse relevant sind.

Was Frauen bloggen, ist irrelevant?

Keinesfalls. Womöglich ist es für die Allgemeinheit nicht besonders interessant, aber für den Kreis, mit dem die Autorinnen ihre Blogeinträge teilen wollen, sind beispielsweise persönliche Urlaubserlebnisse höchst relevant. Auch Männer bloggen über persönliche Erlebnisse, oft aber auch über Medienentwicklung, IT oder Software. Solche Einträge der Männer haben eine thematische Relevanz, die Einträge der Frauen oft eine persönliche.

Da scheint sich ein altes Vorurteil zu bestätigen: Frauen tratschen, Männer prahlen.

Prahlen und tratschen – diese Begriffe sind Zuschreibungen der Gesellschaft. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen, weil wir in unserer gesellschaftlichen Ordnung festgelegt haben, was relevant ist und was nicht. Bei uns steht das Thema Beruf an erster Stelle: Wer darüber bloggt, bloggt relevant. Persönliches in der Öffentlichkeit auszubreiten wird hingegen verachtet. Das kommunikative Muster allerdings ist bei Männern wie Frauen gleich: Beide wollen ihre sozialen Beziehungen stärken.

Sie selbst sind ein Tratscher. In Ihrem eigenen Blog vermelden Sie Ihre Einbürgerung in Hamburg/Eimsbüttel. Für wen schreiben Sie das auf?

Ich weiß, dass vor allem wissenschaftliche Kollegen und Studierende, auch einige Freunde und Familienmitglieder meinen Blog lesen. Deshalb erzähle ich immer mal wieder ein paar Anekdoten aus meinem Privatleben. Im Grunde ist mein Blog ein Fachblog mit gelegentlichen persönlichen Einwürfen. Doch das Ganze hat für mich auch Grenzen: Familienfotos wird man auf meinem Blog nicht finden.

Was sind Blogs für die Mehrheit der Nutzer? Informationsquelle, „Bespaßungsort“ oder sozialer Marktplatz?

Die meisten Nutzer wollen unterhalten und informiert werden. Blogs sind für viele eine Möglichkeit, die üblichen Nachrichten und Meldungen durch ein paar Informationen, die sich abheben, zu ergänzen. In Blogs suchen viele das Lustige, das etwas Andere.

Für 93 Prozent aller amerikanischen Heranwachsenden sind soziale Netzwerke im Internet mittlerweile eine Art Schulhof. Bei uns tummeln sich 40 Prozent aller Jugendlichen auf Plattformen wie StudiVZ oder MySpace. Leben Jugendliche bald nur noch in ihrer digitalen Welt?

Für die Jugendlichen der heutigen Zeit ist die Trennung zwischen realem und digitalem Leben längst hinfällig. Sie nutzen die sozialen Netzwerke im Internet ebenso selbstverständlich wie ihr Handy oder das Haustelefon – dadurch werden sie aber nicht zwangsläufig ihr gesamtes Leben vor dem Computer verbringen. Wir verteufeln weder das Telefon, noch das Handy – wir sollten es auch nicht mit dem Internet tun.

Die Fragen stellte Tim Klimeš.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 27.03.2008)
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