Else Buschheuer bloggt nicht mehr, sie lebt nur noch in der Welt der 140 Zeichen
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin hier nicht der Wallraff von Twitter. Aber, wie wir beim MDR sagen: „Man muss die Leute dort abholen, wo sie sind.“ Also. Heute schon getwittert? Ich ja. Mehrfach. Sie wissen gar nicht, was das ist? „Tschilp, tschilp, bla, bla“ und „Klowand“, sagen die einen. Andere halten das Twittern für eine Art virtueller Lichterkette. Hitler, Mauertote, Platz des Himmlischen Friedens, hätte es alles nicht gegeben, wenn wir damals schon getwittert hätten.
Ich habe zwar keine Freunde mehr, aber, hey, bei Twitter habe ich 1404 Follower. Sie sind mein Volk, sie abonnieren meine Kurztexte (Tweets). Mal twittere ich programmatisch („man muss die sprache noch mehr vom gedanken befreien“), mal gaga („bombombombom #biberti“), mal werfe ich die großen Fragen auf („kuckuck? gott? bist du da?“), mal scheitere ich an einer pointe („ein twitterer und ein stotterer treffen sich. sagt der stotterer... ja, was? #fail“), mal schimmert sexuelle Frustration durch („man trägt die reizwäsche eh nur für die eventualität eines verkehrsunfalls“).
Man muss natürlich was bieten. Die Form bestimmt den Inhalt. Alles muss auf einen lakonischen Kernsatz runtergebrochen werden. Oder lass es zwei sein. Die Diktatur der 140 Zeichen. Der Verzicht auf Adjektive. Die Pointierung. Die Flüchtigkeit des Gesagten. Das Portionieren der eigenen Geschwätzigkeit – gleich einem Patienten, der mit geöffnetem Mund beim Zahnarzt sitzt.
Die Twitter-Welt ist klar in Gut und Böse aufgeteilt. Gebote und Verbote, „DOs“ und „DON''Ts“. Man motzt über Print, wählt die Piraten (in der Twitter-Hochrechnung zur Europa-Wahl scheiterte die CDU an der Fünf-Prozent-Hürde, die Piraten hatten über 50 Prozent), man legt einen grünen Schleier übers Profilbild, um Solidarität mit der Opposition im Iran zu zeigen, findet Achsensprünge im „Tatort“, schwallt über „Zensursula“ und trauert im Kollektiv um Michael Jackson. Gerüchte pflanzen sich schneller fort als die Schweinegrippe.
Der harte Kern der deutschen Twitterer rekrutiert sich aus dem harten Kern der deutschen Blogger. Er geht auf die 40 zu und ist überwiegend männlich. Er trifft sich auf Podiumsdiskussionen, zum „Twittag-Essen“ oder „Twitgrillen“, macht „Follower-Partys“, feiert sich beim Grimme Online Award und pflegt als Anrede das Du.
Im harten Twitterkern gibt es einen Inzest, den ich schon aus der Blog-Landschaft kenne: Cliquen kreisen um sich selbst. Wenn man einer Clique folgt, wird man in deren Welt hineingerissen. Und wem immer ich folge, ich muss seine Tweets lesen, weil sie sich auf meinem Bildschirm übereinander reihen. Zeitlich geordnet, oben immer die aktuellen, „two minutes ago“, „five minutes ago“, wer eben gerade twittert, deswegen heißt das Timeline.
Twitter-König ist Sascha Lobo mit 13 851 Followern. Noch neulich sagte mir sein Name nichts, weil ich sein virtuelles Königreich nie bereist hatte. Jetzt lebe ich dort, und es heißt, Lobo hier, Lobo da, Lobo gut, Lobo böse. Als Markenzeichen trägt Sascha Lobo einen aufgeklebten roten Hahnenkamm (sollte er echt sein, sorry, lieber Herr Lobo). Man sieht den Mann mitunter im Fernsehen, denn wiedererkennbare Gruppenführer sind dünn gesät. Folgt man ihm, dann merkt man rasch, dass er mit wenig Aufwand twittert. Wozu auch? Er ist der König. Was er hinrotzt, hat Gewicht. Er ist wie Nero. Er hebt den Daumen oder senkt ihn. Er fördert oder verdammt, adoptiert oder verstößt. Er verlost sogar die Gunst seiner Followerschaft.
Auch ich folge ihm. Und 129 anderen Twitterern, sorgfältig ausgewählt, Twitter-Pioniere, Schreiber, Alltagschronisten und Kinoliebhaber. Ich folge nach dem Lust-, nicht nach dem Gefälligkeitsprinzip. Ständig überprüfe ich diesen Kreis, wähle ab, wähle neu, so wie jemand, der sich einen hochkomplizierten Diätplan zusammenstellt. Es soll ja abwechslungsreich sein. Kein Fast Food. Ich folge Karl Lagerfeld, Alban Nikolai Herbst, Sibylle Berg, Lilo Wanders, Marlon Gego sowie amüsanten Nicknames namens „HilliKnixibix“, „Luzilla“, „Silenttiffy“ und „Vergraemer“, über deren reale Existenz ich wenig nachdenke. Gute Twitterinnen zu finden, ist schwierig. Entweder, sie haben was zu sagen und können nicht twittern (Miriam Meckel) oder andersrum (Tina Pickhardt) oder es ist nicht mein Forschungsfeld (Julia Seeliger, Franziska Heine) oder sie wollen mir nicht erklären, was Differenzfeminismus ist (Antje Schrupp) oder sie sind langweilig (Alexandra Kamp). Ich habe den #female_thursday erfunden – jeden Donnerstag empfehle ich Twitterinnen, gesetzt den Fall, ihre Tweets sind kinder-, katzen- und Heidi-Klum-frei.
Die Folgerei ist überhaupt ein großes Thema. Man droht sich gegenseitig mit „Entfollowen“ oder bettelt ums „Followen“. Ein Stänkerer versprach sogar einmal allen, die Sascha Lobo entfollowen, eine „Entfollower-Party“. Dass ich am heftigsten Zensurdebatten-Tag twitterte: „Ich kann die Scheiße jetzt nicht mehr hören“, kostete mich eine Handvoll Follower. Manche wünschen sich schon „buschheuerfreie Zonen“ oder twittern „Else sucks“, aber gut. Ich kicke auch jeden raus, der mir nicht passt. Das ist das Spiel. Dafür gibt''s ja die Follow/Entfollow-Funktion.
Wer zu banal ist – weg! Wer irritierende Nicknames wie „Sprudelfurz“ hat – weg! Wer auf Krampf originell sein will – weg! Wer zu viel retweetet (=kettenbriefähnlich weiterleitet) – weg! Wer zu viel „replied“, also die Plattform Twitter für Privatgespräche nutzt – weg!
Die Anteilnahme an den Wahlen im Iran trug bei Twitter fast den Charakter eines Spiels. Wer konnte wie viele in wie kurzer Zeit dazu bringen, welchen iranischen Twitterern zu folgen, das war en vogue, wer machte sein Profilbild grün, um gegen die Wahlen zu protestieren, gab als Wohnort „Tehran“ an? „Grünes Profilbild ist die neue Aidsschleife“, twitterte ich. Und wurde prompt retweetet.
Für mich ist Twitter nicht mehr wegdenkbar. Die willkürliche Kombination in der Timeline, die durcheinander gemischten Monologe, die rührende Unmittelbarkeit, mit der bei einer Katastrophe der Groschen fällt, aus all dem entsteht Kunst. Die Dadaisten hätten Twitter geliebt. Karl Kraus wäre Sascha Lobos Hofdichter geworden. Brecht, Benn, Bukowski, Bachmann, Reimann, sie alle wären große Twitterer gewesen. Und was kann Twitter dafür, dass sie tot sind?
Ich sehe Twitter als Bereicherung. Es spiegelt uns. Es ist genau das, was man daraus macht. Banal, wenn man banal sein will, poetisch, wenn man poetisch sein will, und politisch, wenn man politisch sein will. Seit vergangenen Freitag folgt mir Angela Merkel. Sie ist ein Fake. Und nicht mal lustig. Sie hat zwar 3168 Followers, aber ich folge ihr nicht zurück.
Seit ich nicht mehr blogge, habe ich vier Texte verkauft, die ich früher „umsonst“ in mein Internet-Tagebuch gestellt hätte. Ich schreibe wieder privat Tagebuch. Ich habe überhaupt mehr Privatleben, fällt mir gerade auf. Endlich kann ich mal in Ruhe – twittern.
www.twitter.com/elsebuschheuer
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 30.06.2009)
Kommentare [ 19 ] Kommentar hinzufügen »
beantworten.
Wäre schön, wenn Sie das ganz schnell ändern könnten!
Man kann nicht Medium und Inhalt gleichsetzen. Nur weil es Kitschromanhefte gibt, ist das Bücherlesen noch lange keine "Verblödung für Dumme".
Was man in Twitter schreibt und liest, bleibt jedem selbst überlassen, das kann Niveauvolles oder Anspruchsloses sein, so wie in jedem anderen Kommunikations- und Veröffentlichungsmedium auch.
Das Problem solcher Glossen wie dem obigem Artikel ist, dass hier eine Insiderin selbstironische Sticheleien austeilt, die bei Eingeweihten ein Schmunzeln erzeugen, weil sie wissen, dass "wir alle", also auch die Autorin, begeisterte Twitterer sind, und dass mit diesem Artikel nicht das Medium selbst abgelehnt werden soll, sondern man sich selber einmal spaßeshalber einen Zerrspiegel vorhält.
Ein Außenstehender ohne eigene Twittererfahrung mag das Ganze für bare Münze nehmen und sich in seinen Vorurteilen bestätigt finden. Die Gefahr steigt umso mehr, wenn solch ein Artikel gedruckt erscheint und dort von Lesern rezipiert wird, die vom Internet allenfalls peripher tangiert werden.
Man stelle sich den Artikel also eher wie das bayerische "Derblecken" vor: Vor lauter CSUlern werden Witze über die CSU gemacht und alle lachen darüber. Weil jeder weiß, wie es gemeint ist, und dass damit keine Fundamentalkritik an der eigenen Partei beabsichtigt ist.
Hört hingegen ein SPDler mit, wird er sich denken: "Ich hab's ja immer gewusst, endlich geben sie ihre Schweinereien zu!" - eben weil er die Außensicht hat und die Selbstironie nicht bemerkt.
Herzliche Grüße,
Nadine Lantzsch
tagesspiegel.de-Redaktion
Kollektivierte, internationale Artikel und Internetperlen zum Thema Berlin & Zeitgeist. Das Feinste und Schlaueste, was das Netz zu bieten hat, von mir erspäht. Kein Twittergesabbel sondern ein Kaleidoskop mit Sicht vom Zentrum des Unversums,
Berlin.
Hier lassen sich Sport-Events auch für blinde User
schnell und praktisch weitersagen. Klein, aber fein!
Interessant auch die Möglichkeit, diese Kurztexte
mit anderen Medien - Blog und Video - zu kombinieren.
Da ist für jeden Nutzertyp und Fan die passende Kommunikation
dabei. Für alle, die Bloggen zu aufwendig finden, optimal!
"Ruf mich an!" war gestern.
Twit me!
Ja so sond sie, die lieben Twitterer, glauben sie wären der Nabel der Welt und schwadronieren sich dumm und dämlich.
Schön auf dem Teppich bleiben. In zwei Jahren gibts dann "Twatter" und Diktatoren machts trotzdem nix.
Also müssen wir davon ausgehen, dass der Tagesspiegel für diesen Unsinn auch noch Geld ausgegeben hat?
Dieser Text sollte im Nirvana eines Umsonstblogs verschwinden, denn er ist einfach nur hohl (was übrigens ein Wort aus den 80er Jahren ist und nichts anderes bedeutet als "sinnlos". 80er? Buschheuer? Genau.).
Gute Idee: "Schwadronieren in nur 140 Zeichen" -
kann nicht jeder! tristan_99 übt das hier schon mal. ;-)
Na sowas, unglaubliche Verschwendung...
Was sagen Sie dazu?!
wir sind keine zielgruppen oder endnutzer oder konsumenten.
wir sind menschen - und unser einfluss entzieht sich eurem zugriff. kommt damit klar.
das cluetrain manifest stammt aus 2001.
Twitter ist nur der aktuelle Ausdruck der Entwicklung und Else Buschheuer ihr Alphaweib.
wozu soll das gut sein, ausser zu werbezwecken? twitter verändert nichts, gewiss nicht politische oder gesellschaftliche missstände ... nur weil abertausende von twitterern sagen "böser böser iran" macht deren machtinhaber trotzdem, was er will ... aber es scheint ja in mode zu sein, sich mal kurz über etwas zu echauffieren, ohne dem geschrei und getippe taten folgen zu lassen (gestern tibet, heute iran und morgen evtl. mal wieder die finanzkrise??), um es dann in einer woche wieder vergessen zu haben ...
bla bla bla ... es ödet mich an !
der artikel ist belanglos, sogar dümmlich, witzig ist er nicht, nicht mal zum schmunzeln, er ist überflüssig, genauso überflüssig wie das twittern. die schreiberin täte gut daran weiterhin privat tagebuch zu schreiben, da ihr stil dafür ausreichend ist, aber journalismus ???
wie dem auch sei ... ich habe für mich entschieden, dass mir die wenige zeit, die wir hier auf diesem wunderbaren planeten leben, zu wertvoll und zu kostbar ist, um mich mit jedermann's scheiss und meinungsausfluss zu befassen ... da ja mittlerweilen jeder meint fotograf, filmer, schreiber, künstler und superstar zu sein und die wege der kommunikation dank u.a. internet umfangreich sind, muss da ein ganz klarer, persönlicher filter her, der verhindert, dass meine kostbare zeit dafür verschwendet wird!
wir leben im überfluss, die zeit des aussortierens ist angebrochen ... ein überangebot an technik, mode, kunst, an medizin, ärzten, nahrung, information und sonstigen features ... an einfach allem, während nebenan menschen verhungern und unterdrückt werden ...
aber hauptsache, die jammernde, lahmarschige, sesselpupsende wohlstands-nation kann sich mit twitter-rekorden brüsten ... na toll, das ist doch mal eine entwicklung auf die wir stolz sein können und über die man unbedingt berichten muss !
es ödet mich an!
es gibt jetzt mehr hundefutter, mehr katzenfutter
und mehr spirituosen." sagt die twitternde Dame mit Hut.
"filosofisch" gesehen ist das öde.
Wir gehen noch vor die Hunde, alles für die Katz.
Prost Mahlzeit!
Humor ist,...
und obendrein auch noch humorvoll daherkommt.
Wie bei Lebenskünstlern üblich. ;-)
#elsebuschheuer #follower #entfollower #clever&smart