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Evelyn Hamann

Ein "Nö" sagt mehr als 1000 "Neins"

Frauen können komisch sein, wenn sie es können wie Evelyn Hamann. Barbara Sichtermann zum Tod der Schauspielerin.
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Mit Evelyn Hamann verliert Deutschland eine großartige Komödiantin. - Foto: dpa
Sie war der unwiderlegbare Gegenbeweis, wenn es hieß, Frauen seien nicht komisch. Sie war es erst recht, wenn es hieß, Frauen seien nur als sogenannte Ulknudeln, mit schrillem Gehabe, supersexy Outfit, mit quietschendem Dauerlachen ausnahmsweise mal komisch. Hamann als Hausfrau, die einem Vertreter die Tür aufmacht, stand da, unbewegt, mit offenem Mund, sah alles andere als sexy aus, sagte nix, außer höchstens mal: „Nö“ und war dabei so komisch, dass hinter ihr die Wand wackelte.

In ihrem und Partner Loriots berühmtesten Sketch „Die Nudel“ sitzen sie und ein Verehrer (Loriot) in einem italienischen Restaurant. Er druckst und tut und steuert auf einen Antrag zu. Sie sitzt still dabei, es liegt ihr aber was auf der Zunge, doch er lässt sie nicht reden: „Bitte sagen Sie jetzt nichts, Hildegard.“ Sie sagt denn auch nichts, schweigen kann sie ja gut. Erst als alles zu spät ist, rückt sie mit ihrem Anliegen raus. Er habe da ein Stück Nudel am Kinn... Natürlich ist Loriots Beredsamkeit witzig. Aber sie ist nur die Folie, auf der sich die tiefere Komik dieses Sketches abhebt: Hamanns Schweigen. Ganz nebenbei übrigens verweist sie das zählebige Vorurteil, Frauen seien Nonstop-Plaudertaschen und Männer begnadete Schweiger, ins Reich der Legende.

Wer geglaubt hatte, Hamann sei nur als Partnerin Loriots erfolgreich und deshalb als sein weibliches Pendant von ihm abhängig, wurde eines Besseren belehrt, als die stille Frau, die eine so vielsagende Flappe ziehen konnte, ihre eigene Fernsehkarriere startete. Als Frau Möbius in der Endlosserie „Adelheid und ihre Mörder“ (1992 bis 2006) bezauberte sie ein Riesenpublikum. Und wieder stellte sie vermeintlich harte Tatsachen richtig. Sind es wirklich die (männlichen) Cops, die die Verbrecher fangen? Sollte man nicht mal gucken, was die Sekretärin auf dem Revier so alles durchschaut, organisiert und entscheidet? Als Adelheid sagte Hamann den Vorzimmerdamen dieser Welt: Ihr seid es, die die Arbeit tun. Die Männer sind bloß dazu da, ihren Hahnkamm schwellen zu lassen..

Adelheid zog dann auch Folge für Folge selbst los, um den Mörder dingfest zu machen. Das ging einfach schneller und reibungsloser so. Die Männer hätten, um ihrer Selbstdarstellung willen, zu viele Umwege eingeschlagen.

Evelyn Hamanns Heimatstadt war Hamburg, hier kam sie 1942 als Tochter eines Musikerpaares (Vater Konzertmeister, Mutter Sängerin) zur Welt. Man sagt ihr denn auch gerne einen hanseatischen Humor nach. Das stimmt in Bezug auf die Trockenheit. Der hintersinnige Schelm jedoch, der aus ihren Augen guckte, wenn sie ihre berühmten Mundwinkel weit, weit hinabsenkte, war nicht mehr regional, der war weltweit. Sie machte in Hamburg eine Schauspielausbildung und begann ihre Laufbahn am Theater, zunächst am Hamburger Thalia, später in Göttingen, Heidelberg und Bremen. Der Durchbruch kam 1976 durch die Sketche mit Loriot. In den Kinofilmen „Ödipussi“ (1988) und „Pappa ante portas“ (1991) brillierte sie in ihrer Paraderolle als hausfrauliche Heldin des Alltags. In Fernsehrollen überzeugte sie auch jenseits des komischen Fachs in Serien wie „Traumschiff“, „Der Landarzt“ oder in Krimis wie „Der Alte“ und „Tatort“. Zwischendurch kehrte sie auf die Bühne zurück, ging auch auf Tournee, zum Beispiel mit den „Katzengeschichten“ von Patricia Highsmith. Preise und Ehrungen blieben nicht aus (Goldene Kamera, Bayerischer Fernsehpreis), sie erhielt sogar das Bundesverdienstkreuz.

Die „Katzengeschichten“ übrigens hatte sie nicht zufällig für ihre Tournee ausgewählt. Sie war selbst Katzenhalterin, und Patricia Highsmith ist sie persönlich begegnet. Man kann sich gut vorstellen, was beide Frauen verband – der Hintersinn. Aber auch das künstlerische Streben nach Perfektion und nach Zurücknahme der Person. Befragt, ob es besonder schwer sei, eine komische Rolle zu gestalten, wehrte Hamann ab. Alle Kunst sei schwer, man müsse höchste Genauigkeit aufbieten, Eitelkeit sei störend. Dieses Statement sollte man rahmen und unserer Medienwelt an die Pinwand heften. Dort ist Eitelkeit inzwischen erlaubt, ja fast geboten. Aber den Rang der bescheidenen Hamburgerin erreichen die großen Aufschneider eben doch nicht.

Evelyn Hamann hat ihre Kunst, ihre Komik und ihre Person vor dem Zugriff des dem Fernsehen angelagerten Boulevards klug geschützt. Es wird ja behauptet, man könne in der Fernsehwelt von heute nur oben bleiben, wenn man für sich selbst pausenlos und möglichst laut Reklame macht. Hamann sagte hierzu: Nö. Sie starb in der Nacht zu Montag nach kurzer Krankheit in ihrer Geburtsstadt.

Der NDR zeigt heute um 21 Uhr 45 eine Folge „Adelheid und ihre Mörder; die ARD startet am Freitag, 21 Uhr 45, eine Hamann-Nacht mit dem Film „Ödipussi“ und „Adelheid“-Episoden; im ZDF läuft am Sonntag ab 13 Uhr 40 u.a. die „Traumschiff“-Folge „Sydney“  

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 30.10.2007)
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