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Krise in München

Sat 1: Sender ohne Sendung

ProSieben setzt auf Casting-Shows, Kabel eins auf alte Filme. Doch Sat 1, Zentrum der ProSiebenSat1 Media AG, sucht ein Leitbild
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Johannes B. Kerner haben noch nicht so viele Zuschauer begeistern können, wie wohl erhofft. Foto: dpa
Der Mittwoch ist die Hölle. Woche für Woche, wenn kein Fußball ist. Zuletzt landete Sat 1 im Quotenranking schon wieder hinter Kabel eins und RTL 2. Zur Primetime waren es in den letzten Wochen mal 6,1 Prozent Marktanteil in der werberelevanten Zielgruppe, mal gar nur 3,9 Prozent. Am liebsten wäre den Verantwortlichen eine Woche ganz ohne Mittwoch. Aber der schwache Mittwoch ist nur ein Symptom für eine tiefer liegende Krise des Senders Sat 1, der ein „familienorientiertes Vollprogramm“ bieten will.

Der Nischensender Kabel eins, der auch zur ProSiebenSat1 Media AG gehört, boomt, streitet manchmal schon mit Vox, Teil der RTL-Gruppe, um den ersten Platz bei den kleinen Sendern. Kabel eins kennt mit schönen, alten Filmen und ruhigen Magazinen seine Stärken und baut diese aus. Auch ProSieben hat ein klares Profil. Mit Castingshows und Dokusoaps, „Topmodels“ und „Galileo“, Mystery und Fantasy, guten US-Serien und massenhaft Stefan Raab ist ProSieben der Jugendsender überhaupt.

Was aber ist Sat 1? Eigentlich das Zentrum der Sendergruppe – tatsächlich aber ein Sammelsurium von Einzelsendungen, die sich nicht zu einem stimmigen Gesamtbild fügen. Dabei ist die Quote besser als der Ruf. Immerhin waren es 2009 wie schon 2008 10,8 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe. Tagsüber ist der Marktanteil nicht so schlecht. „Zwei bei Kallwass“ und Jeanette Biedermanns „Anna und die Liebe“, Gerichtsverhandlungen und „Britt“ – das läuft noch einigermaßen. Aber für welches Publikum? Schon am Vorabend und erst recht sobald das Fernsehen auch nur in die Nähe von Relevanz kommt, wird es duster für Sat 1. Anke Engelke und Bastian Pastewka wirken in einem dumpfen Umfeld fast schon als Fremdkörper wie einst Harald Schmidt.

Das Gute ist vor allem Erinnerung. Da ist nicht nur an den legendären „Talk im Turm“ zu denken, sondern auch an Filme, die massentauglich und anspruchsvoll waren, die wie einst „Wambo“ (mit Jürgen Tarrach), „Tanz mit dem Teufel“ (mit Christoph Waltz) oder „Der Tunnel“ (mit Heino Ferch) prominent programmiert wurden. Es gab stimmige deutsche Serien wie „Edel & Starck“. Mit Thomas Kausch sollte eine „Informationsoffensive“ gestartet werden. Längst ist sie versandet. Von den 14,2 Millionen Zuschauern, die vor der Bundestagswahl das auf vier Sendern ausgestrahlte „TV-Duell“ anschauten, lockte Sat 1 gerade einmal 770 000 zu sich. Bei der mit Sabine Christiansen und Stefan Aust kompetent besetzten „Wahlarena“ harrten schon zur zweiten Ausgabe gerade noch 590 000 Zuschauer aus. Zuvor hatten 3,35 Millionen „Criminal Minds“ gesehen. Das Sat-1-Publikum ist weg, sobald ein Politiker auf dem Bildschirm erscheint. Wie soll der Sender da herauskommen aus seiner Identitätskrise?

Nicht schlecht wäre es, würden die Besitzer, die Investoren von KKR und Permira kundtun, was sie eigentlich mit der Fernsehgruppe vorhaben. Nun gut: Geld verdienen. Aber haben nicht andere – namentlich Haim Saban, der die Sendergruppe einst zum Niedrigpreis von 525 Millionen Euro aus der Kirch-Pleite erwarb – längst den Reibach gemacht, der zu machen war?

Wenn die gleichen Investoren sich zum Beispiel bei „Capri Sonne“ oder dem „Grünen Punkt“ einkaufen, leuchtet die Gewinnerwartung auch dem Laien ein. Die Übernahme der ProSiebenSat1 Media AG erfolgte hauptsächlich über Kredite, die dem Unternehmen dann als Schuldenlast von rund 3,45 Milliarden Euro aufgebürdet wurden. Läge da nicht ein Einzelverkauf des noch umsatzstärksten Senders Sat 1 an ein deutsches Medienhaus nahe, um so einen weiteren profitablen Höhenflug von Kabel eins und ProSieben zu finanzieren?

Wieder einmal soll jetzt eine neue Führung Sat 1 retten. Andreas Bartl (47), bisher Chef der „Free-TV Holding“, ein stiller Aufsteiger in dem Medienverbund, muss plötzlich zeigen, was er im operativen Geschäft kann. Er droht das nächste Bauernopfer zu werden. Die früheren Macher – Martin Hoffmann wie Roger Schawinski – waren gegenüber den heutigen Chefs geradezu charismatische Persönlichkeiten. Sie trauten sich etwas zu. Zwar haute es nicht hin, Anke Engelke zur ersten Late-Night-Talkerin zu machen, zwar gelang es nicht, sonntags einen „Gesellschafts-Talk“ (mit Bettina Rust) zu installieren, aber dahinter steckte eine Ambition.

Ambitionen hatte auch der vorerst letzte ehemalige Chef, Guido Bolten (45), der seinen Posten im Januar räumen musste. Aber es war einfach zu wenig, statt strategische Ideen zu entwickeln, mit Geldscheinen zu wedeln und den so angelockten Prominenten zu versichern, endlich dürften sie unbehelligt machen, was sie wollen. So strahlt der Prominente nicht auf das übrige Programm aus, sondern marginalisiert sich selbst, wie es Johannes B. Kerner und Oliver Pocher gerade bitter erfahren müssen.

Etwas Abhilfe schafft der Fußball. Auch wenn das entscheidende Vorrundenspiel von Bayern München gegen Turin nicht zu sehen war, ist die „Champions League“ gut für die Quote. Allerdings ist der Rechteerwerb kaum zu refinanzieren. Die Rechte kosten mehr als der Unterhalt des gesamten Senders N24. Den stellt der Chef der Sendergruppe, der erfahrene Pharma-Manager Thomas Ebeling (50), zur Disposition. Vor allem aber möchte er politische Zugeständnisse wie flexiblere Werbegrenzen und geringere Programmauflagen erstreiten.

Andreas Bartl verriet in einem Interview mit der „Süddeutschen “ den eigentlichen Sinn seines Amtsantritts: „ein Signal an die Werbekunden“. Nun erwartet er ausgerechnet von Katja Hofem-Best (39), die schon RTL 2 und DMax mit der Ödnis sogenannter „Reality“-Formate zugepflastert hat, „neues, innovatives Fernsehen“ (doppelt gelogen hält besser). Als wäre nicht schon der von ihm verantwortete Claim „Colour your life“ grausig genug, benannte er als Plan: „Sat 1 hat ein unheimliches Potenzial, das wir auf die Straße bringen werden.“ Ach, wäre es wenigstens ein heimliches Potenzial!

Um Sat 1 zu retten, müsste es einen Bruch mit dem ewigen Lavieren, den Halbheiten des Low-Budget-TV und dem Nachläufertum geben. Dazu reichen nicht einzelne Formatideen. Der Sender selbst braucht ein Leitbild. Das ist die strategische Aufgabe. Die Pole – Kabel eins und ProSieben – sind gut definiert. Wie aber soll das Gravitationszentrum aussehen?

Bunt und vielfältig sicherlich, aber wichtig ist nicht nur die Mischung, sondern auch die Bindewirkung eines Programms. Das Denken lediglich an einzelne Zielgruppen müsste überwunden werden. Wer über ein passendes Sat-1-Programm ernsthaft nachdenkt, wird nicht umhin kommen, über Familie heute, deren Kommunikation und Unterhaltungsbedürfnisse zu reflektieren. Anders ist kein Kompass für einzelne Entscheidungen zu gewinnen. Sendungen wie die gedehnte Peinlichkeit „Deutschland wird schwanger“ würden dann gar nicht erst entwickelt.

Welcher Manager aber stellt sich diesem Anspruch? Es ist keiner in Sicht. Der aktuelle Druck ist groß. Jeder will seinen Kopf retten. So ein visionsloser Pragmatismus aber wird Sat 1 keinen Aufschwung bescheren, sondern allenfalls den langen Weg zum Schwundfernsehen verzögern.



(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 07.02.2010)
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von lfniederer lfniederer ist gerade online | 6.2.2010 23:35 Uhr
Colour your life!

Wem nur noch Sprüche einfallen, wie "Colour your life", dem fällt glaube ich sonst auch nichts mehr viel ein, geschweige denn zum Programm. Schon vor Jahren wurde in Studien in Deutschland herausgefunden, dass solche englischen Slogans von der Mehrzahl der Deutschen entweder gar nicht oder falsch verstanden werden. In Anbetracht dieser Studie schaffte auch Sat1 seinen damaligen Slogan "Powered by emotions" ab. Um so erstaunter war ich, dass sie nun wieder mit einem englischen Spruch daherkommen.

Der Umzug großer Teile von Sat1 nach München sollte ja auch alles besser machen, es sollten Synergien, wie das neudeutsch so schön heißt, entstehen. War wohl nichts, und wird wohl auch nichts mehr werden!

Es ist schon ein Trauerspiel, wie das kommerzielle Fernsehen in Deutschland immer mehr auf den Hund kommt. Wenn ich mir ansehe, was im amerikanischen kommerziellen Fernsehen an interessanten und innovativen Programmen entsteht, natürlich neben viel Schund, und das dann mit dem minderwertigen und seichten Auswurf deutscher Provenienz vergleiche, da können einem die Tränen kommen.

Ein Grund mehr voller Überzeugung und gerne seine GEZ-Gebühren zu bezahlen.
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von dantonbln dantonbln ist gerade offline | 7.2.2010 16:40 Uhr
Wie der Sender seine Zuschauer sieht
Zitat aus einer internen Anweisung an Sat.1- Produzenten:
"Bitte beachte, dass unsere Zielgruppe im Vergleich zu Pro7 "erwachsener", so zw. 25 und 45 und in der Regel liiert ist oder Familie hat (also: Single-Check nein, Treuetest ja). Wir machen Fernsehen für eine Imaginäre Familie, z.B. aus Paderborn: Vater Horst, 42, Schlosser und Mitglied im örtlichen Verein, Ehefrau Kerstin, 38, bessert mit Halbtagesjob die Haushaltskasse auf. 2 Kinder (Sandra und Leon, 10 und 6; sie will ein Pferd und er spielt Fußball im Verein und liebt Wii). Sie leben in einem Reihenhaus, das sie abbezahlen, sind zufrieden mit ihrem Leben. Die Eltern machen sich jedoch Sorgen, auf der sozialen Leiter abzurutschen angesichts der Rezession und der steigenden Arbeitslosigkeit. Wichtig: Sie sind moralische Menschen mit Werten, keine Hedonisten. Es interessiert sie also nicht, wie man sich durchs Leben schnorrt oder betrügt (also keine Dreistigkeitstests etc.!), sondern wie man sparen kann, ohne sich zum Deppen zu machen. Sie wollen nicht sehen, wie weit man auf der sozialen Leiter abrutschen kann (Hartz-IV-Camper...), sondern interessieren sich für Tipps, wie man es erhobenen Hauptes durchs Leben schafft (Urlaub, Einkauf...). Natürlich sind sie auch neugierig und voyeuristisch wie alle anderen und wollen gut und spannend unterhalten werden.
Das Magazin ist auf die Eltern ausgerichtet. Sie sollen es ohne schlechtes Gewissen gemeinsam mit ihren Kindern konsumieren können. Also kein Ekel-TV, keine schmutzige Erotik, kein Blut, keine Toten (außer Michael Jackson et al), keine traurigen Schicksale."
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von sataniel sataniel ist gerade offline | 7.2.2010 17:41 Uhr
Vor über 25 Jahren
sind die Privatsender wie ein Tiger gestartet, um die Öffentlich/Rechtlichen nieder zu machen und nach einem bunten Aufbäumen kam dann die Langeweile. Das ganze Gerümpel von 9Live bis Das Vierte fristet aber ein Schattendasein auf den Spartenkanälen des PayTV Kabel Deutschland und hält sich eigentlich nur noch mit Astroshows und Dauerwerbesendungen über Wasser. Da ist die Entwicklung des einstigen Riesen Sat1 eigentlich nur eine logische und absehbare Konsequenz!
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von fredericussecondo fredericussecondo ist gerade offline | 7.2.2010 19:18 Uhr
Geistiges Einkoten
ist sicherlich in der Zeit der Generation Doof ein häufig vorkommendes Verhalten und so gesehen, erklären sich auch die noch relativ hohen Zahlen von Gaffern, die sich nicht dafür zu schade sind, sich selbst mit all jenen Ausscheidungsprodukten der Infotainmentverbreitungseinrichtungen zu beschmieren.

Geistig-moralisch längst in den universalen Welten der deutschen Gülletanklager angelangt, schlabbern sicherlich die ihrer geistig-emotionalen Fähigkeiten beraubten "people of the civilisation abyss" noch immer das ihnen in den virtuellen TV-Schierlingsbechern dargebotenen Enthirnungsdrinks und bestätigen sich wechselseitig, wie wunderbar diese Kost doch ist.

Aber, und das ist die Hoffnung, die uns - weil ja die Hoffnung zuletzt stirbt - noch bleibt, die immer offener ausgesprochenen und in der Öffentlichkeit bekannt gemachten Auffassungen, die diese Ansicht repräsentiert, führen zu einer real Situation der öffentlichen Negierung, Ablehnung und Entlarvung dieser Müll-, Trash- und Fäkalunterhaltung.

So gesehen dürfen wir auf eine baldige Isolvenz dieser völlig qualitätslosen und überflüssigen Einrichtung hoffen.
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von sataniel sataniel ist gerade offline | 8.2.2010 11:41 Uhr
Sat1 hat ein Identitätsproblem
Zu Zeiten der Harald Schmidt Show war Sat1 unter anderem mit dem Slogan "Ich drück dich" unterwegs, der genauso hohl war, wie "Colour your Live" heute, aber machte damals noch Sinn, denn die Show war gut und unterhaltend. Dann war Schmidt weg und es ging abwärts. Mittlerweile sind die einzigen, aber eher ungewollte komische Sendungen die beiden Gerichtsshows mit Salesch und Hold, wo echte Juristen auf grausam gestellte Fälle mit schlechten Drehbüchern und noch schlechteren Kleindarstellern treffen. Alles andere und gerade die bemühten Krimis aus Eigenproduktion, ist familienfreundlich zurechtgestutzter Müll ohne jedes Profil, den offensichtlich zu wenig Menschen sehen wollen.
Selbst der, mit Fanfaren verkündete "Film Film", der Abends gesendet wird, gehört nur in den langweiligsten Teil aus der Rubrik Familienfilme. Pro7 und Kabel eins liegen als Schwestersender da sehr weit vorne. Mit anderen Worten, die Probleme von Sat1 sind hausgemacht!
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von sataniel sataniel ist gerade offline | 8.2.2010 15:33 Uhr
Zwanghafte Comedy
soll mittlerweile das fehlende Gesamtkonzept dieses Senders ersetzen. Da gibt es "Schillerstraße", wo Comedians und Leute, die dafür gehalten werden, auf Zuruf agieren müssen, dann noch "Ladykracher" und Pastevka", wo Comedians, die ihre größten Erfolge auch schon hinter sich haben, sich in Sketchen austoben können. Nur hat der Tag 24 Stunden und für 12 sollte man schon ein Programm haben, was Abwechslung verspricht!

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