Medien : 0 Uhr 35 am Bahnhof Zoo

Ganz modern: Kauder podcastet, SPD bloggt

Michael Geffken

Wenn Ihnen dieser Tage in der U-Bahn ein junger Mensch mit einem dieser schicken iPods gegenübersitzt – die Stöpsel im Ohr –, müssen seine Fußspitzen nicht unbedingt im Takt von Adam Green oder den White Stripes wippen. Es könnte sein, dass er via Podcasting von Volker Kauder oder Franz Müntefering zur Ekstase getrieben wird.

Podcasting? Das ist eines dieser Zauberworte aus der Welt der neuen Kommunikationswerkzeuge; die Möglichkeit, Audio-Dateien zeitversetzt und automatisiert in den Speicher von MP3-Spielern zu übermitteln oder über einen PC abzuspielen – eine Art Radio auf Abruf also.

Schon bald nach der Entwicklung der Podcast-Technik im vergangenen Jahr ist das Werkzeug also in der Politik angekommen: bei Politikern wie dem SPD-Parteichef Franz Müntefering oder dem CDU-Generalsekretär Volker Kauder – der einen Podcast mit dem schönen Namen „iKauder“ betreibt –, bei Parteien und Organisationen sowie bei unabhängigen Initiativen. Eine dieser Initiativen, im Internet unter www.themencast.de zu finden, stellte Ende August über 20 Podcasts zur Bundestagswahl ins Netz – von den Werken einiger Jusos bis hin zu einer Hitliste der besten Politik-Podcasts.

Noch rasanter als das Thema Podcasting entwickelten sich im laufenden Wahlkampf allerdings die PolitikWeblogs – die Online-Tagebücher mit politischen Inhalten. Mit Beginn des Wahlkampfs im Juni setzte ein Boom ein; gab es schon zur NRW-Landtagswahl im Mai einige Politik(er)-Blogs, so schnellte ihre Zahl im Sommer steil in die Höhe: Ende Juli zählte die Medienbeobachtungs- Agentur „Ausschnitt“ 49 Weblogs von Politikern und Parteien – darunter allein 19 von der SPD.

Seit Anfang August hat sich die Zahl der Blogs dann noch einmal verdoppelt. Insgesamt gab es am 10. September genau 100 bloggende Politiker auf Landes- und Bundesebene. Die meisten Blogger schreiben für die noch regierende Koalition, wobei die Grünen seit Juli deutlich aufgeholt haben und nun mit 29 Tagebuchschreibern genauso viele Blogger in ihren Reihen zählen wie der große Koalitionspartner. Die FDP stellte 23 Blogs ins Netz, die Linkspartei zehn und die Union neun.

Weblogs leben davon, dass sie häufig aktualisiert werden. Hier zeigt sich die SPD als besonders fleißig. Seit Anfang Juli werden täglich im Durchschnitt 18 Beiträge von Sozialdemokraten online gestellt, die Grünen veröffentlichen neun, die FDP fünf, Union und Linkspartei je zwei Beiträge pro Tag. Ralf Borgers, Kandidat der Grünen in Nordrhein-Westfalen, demonstriert, wie man es nicht machen sollte: Der letzte Eintrag in seinem Online-Tagebuch stammt vom 30. August; seitdem ist nichts passiert auf www.ralfborgers.wahl.de.

Worum geht es in den Wahlblogs? Nur in einem Drittel der Beiträge – so die „Ausschnitt“-Studie – geht es um persönliche Erlebnisse der Politiker. Sachpolitische Fragen dominieren; in den Blogs werden eigene Positionen dargelegt, gegnerische kritisiert. Dazu kommen Personaldebatten von Kirchhof bis Lafontaine und Koalitionsdiskussionen.

Intensiv werden Weblogs in diesem Wahlkampf für das negative Campaining genutzt – die gezielte Diskreditierung des politischen Gegners. Einige Blogs fungieren gar komplett als sogenannte Watchblogs und konzentrieren sich darauf, Äußerungen der anderen Seite unter die Lupe zu nehmen, so zum Beispiel www.stimmt-nicht.gruene.de.

Die Stoßrichtung beim Einsatz von Podcasts und Weblogs ist bei allen Parteien gleich: Sie möchten mit diesen neuen Medien vor allem jüngere Wähler erreichen. Ob sie dabei immer den richtigen Ton treffen, scheint zweifelhaft. „Hallo, hier ist Volker Kauder. Es ist inzwischen 0 Uhr 35 am Bahnhof Zoo“, beginnt der aktuelle Podcast des CDU-Generalsekretärs. Viel spannender ist der Rest dann auch nicht.

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