Medien : 100 Kilo in 29 Minuten

Abnehmen im Zeitraffer – eine Reportage im ZDF

Eckart Lottmann

Sie sieht aus wie ein wandelndes Gebirge, wie sie so den Gang herunterkommt: Tina, 236 Kilo schwer, 24 Jahre alt. Eine unglaubliche Masse Mensch. Doch Tina schafft es, ihr Schicksal zu wenden: Ein Jahr später hat sie hundert Kilo abgenommen. Die Reportage von Nicola Foltys berichtet auch über die Erfahrungen von Rebecca, 120 Kilo schwer, und von Andi, 170 Kilo. Durchaus gut ausgesuchte Protagonisten, doch leider bleibt nicht viel Zeit für sie: Die Reportage ist mit 29 Minuten einfach zu kurz.

Tina, Rebecca und Andi brauchen Hilfe bei ihrem Wunsch, abzunehmen. Ein Jahr lang nehmen sie an einem Diätprogramm einer Klinik teil, Kostenpunkt: 3000 Euro pro Person. Keine Bonbons sollen sie essen, erfahren wir. Und dass auf Ernährung streng geachtet wird, Andi kriegt die ersten drei Monate nur Flüssignahrung. Mehr Informationen über das Diätprogramm bietet die Reportage nicht. Wir eilen im Geschwindschritt durch das Jahr, hören von ersten Erfolgen (wieder 10 oder 20 Kilo weniger…) und kleinen Niederlagen (wieder 5 Kilo rauf). Warum die drei so dick geworden sind? Die Familie, das Umfeld, man frisst eben alles in sich rein. So ungefähr haben wir das schon gewusst.

Doch dann, etwa nach der Hälfte der Reportage, lässt uns die Autorin etwas länger zuschauen. Da sitzt Rebecca mit ihren Eltern und Geschwistern zusammen am Kaffeetisch, und sie erzählen, wie gemütlich es früher war. Wenn man zusammensaß, und in den Schälchen waren Chips und Erdnüsse, Schokolade und Brezeln. Immer, wenn Familie angesagt war, gab es etwas zu essen. Das zu hören, ist schon verführerisch, sogar für uns am Fernseher.

Wer vermag da zu widerstehen? Und Andi, der in der Gruppe der Abnehmungswilligen so gut zurechtkam, er wird arbeitslos und kann sich das Diätprogramm finanziell nicht mehr leisten. Er, der immer alles in sich hineingefressen hat, fängt an zu kämpfen, mit der Krankenkasse, für einen finanziellen Zuschuss. Aussichtslos, aber spannend.

Am Ende fasst die Autorin hübsch zusammen: Tina ist die Gewinnerin, mit neuem Job, Freund und mehr Spaß am Leben, Rebecca hat’s nur halb geschafft, Andi ist gescheitert. Alles schön übersichtlich, doch löst der Film auch „Nachwirkungen“ aus. Andi ist arbeitslos, wohnt weiterhin bei seiner Mutter, kann das Diätprogramm nicht mehr mitmachen.

Soll er sich nun damit abfinden, extremes Übergewicht zu haben? Tina hat so viele Kilos abgenommen, weil man ihr in einer aufwändigen Operation den Magen verkleinert hat. Soll das die Lösung sein für diejenigen, die Schwierigkeiten haben, abzunehmen? Rebecca sagt, bei ihr dauere das Abnehmen eben länger als gedacht. Woran liegt das?

Es ist nur eine Reportage von 29 Minuten, würde die ZDF-Redaktion vielleicht anmerken. Schade, würde ich antworten. Das Thema verlangt mehr Zeit und Nachdenklichkeit.

„Kampf den Kilos – Der Traum vom Traumgewicht“, ZDF, 18 Uhr 30

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