Medien : 150 lange Fernsehminuten – und dann großes Glück

Joachim Huber

WM 2006 live. ARD. Bis 20 Uhr 54 war nichts passiert, aber rein gar nichts. Dann traten in Leipzig auf: Wolfgang Becker und sein Film „Ballero“. Sechs hinreißende Minuten nach der Maurice-Ravel-Musik mit Mensch und Tier in Deutschland und mit nix im Kopf als einem Ball, dem Fußball. Amüsant, ideenstark, eine leichtfüßige Hommage. Schaun mer mal, ob die Fremden, die wir zu Gast bei Freunden haben wollen, uns so locker erleben werden. Anschließend wieder Nummernrevue: Kommen und Gehen von Show- und Fußballstars, allesamt hyperfreundlich und ehrlich bemüht, dem Vorspiel, na ja, wenn schon nicht Sinn und Verstand, dann doch gute Laune einzuhauchen. Die Entertainment-Abteilung mit Großmagier Hans Klok, dem Latino-Musiker Juanes und der „Jungen Deutschen Philharmonie“ bot Varieté, Hüftschwung und Klassik-Gassenhauer. Weltfernsehen war es auf der riesigen Riesenbühne nicht unbedingt, jede „Wetten, dass ...?“-Normalausgabe kann es besser.

Das WM-Maskottchen Goleo VI und „Pille“, der sprechende Ball, wurden nicht vergessen. Schade. Man darf es so sehen: Eine Blondine mit tiefem Dekolleté ist ein größerer Hingucker als ein Löwe ohne Hose. Heidi Klum, die deutsch-internationale Moderatorin-Novizin, plauderte, gickste und lächelte sich durch die langen 150 Minuten. Erst hölzern, später souverän. Ansonsten Männer, Männer und nochmals Männer in so einfallslos schwarzen Anzügen wie die Bundeskanzlerin. Selbst Moderator Reinhold Beckmann trug feierliches Dunkel. Er scherzte viel, hob gerne die Stimme Richtung Bedeutung und probte Weltumarmungs-Gesten. Hatten die Zuschauer über die eine Fernsehstunde bis zur tatsächlichen Auslosung vermittelt bekommen, warum mindestens die Hälfte der Welt vom Fußball fasziniert ist bis zur Hysterie? Eine Idee, das schon. Die Ziehung: pannenfrei. Der Modus: rätselhaft. Der Kommentar von Gerd Rubenbauer: kenntnisreich. Immer wieder Kamerablicke in Trainer- und andere Gesichter – und endlich echte Emotionen. Deutschland, Ekuador, Polen, Costa Rica sind in einer Gruppe – traditionelles Losglück, das die Fußball-Weisen und die Klinsmann-Truppe durchatmen ließ. Der Schlusschor aus Gerhard Delling und Günter Netzer urteilte streng: Achtelfinale, das Minimum. Kanzlerin Angela Merkel ist übrigens Fußballfan von Geburt an. Noch 182 Tage.

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