Medien : 150 Minuten bis zum Hurrikan

„Untergang der Pamir“ als Spritzwasser-Spektakel

Kai Müller

Es gibt viele Katastrophen in der deutschen Seefahrtsgeschichte. Eine, die sich besonders eindrücklich ins kollektive Gedächtnis gesenkt hat, ist der Untergang der „Pamir“. Als das Segelschiff 1957 südwestlich der Azoren in einem Hurrikan kenterte und sank, beteiligten sich 78 Schiffe an der Suchaktion. Von den 86 Mann Besatzung wurden sechs aus zerschlagenen Rettungsbooten geborgen. Suchflugzeuge entdeckten ein Trümmerfeld mit zusammengebundenen Schwimmwesten, in denen Körperteile steckten, von Haien umkreist. Die „Pamir“ war ein deutsches Statussymbol und ein Relikt. Aber vor allem war sie ein Ausbildungsschiff mit 45 Kadetten an Bord, das machte das Verschwinden des Großseglers zum nationalen Trauma. „Schiff von gestern, Kapitäne von morgen“ sollte eine Dokumentation über den Alltag auf der „Pamir“ optimistisch heißen. Für die Jugendlichen wurde das Traditionsgefährt stattdessen zum Grab, als im Sturm die Getreideladung verrutschte, die wegen eines Streiks der Hafenarbeiter in Buenos Aires von der Schiffsbesatzung unfachmännisch gestaut worden war. So war der Verlust der Viermastbark auch Folge einer überkommenen Segelschiffbegeisterung in Nachkriegsdeutschland. Das Seegericht kam zum Schluss, dass es qualifiziertes Ausbildungspersonal für Segler wie die „Pamir“ in ausreichender Menge nicht mehr gab.

Genug Stoff für eine dramatische Verfilmung enthält der Fall „Pamir“ allemal. Das sah auch „Tatort“-Kommissar und Kanzlerdarsteller Klaus J. Behrendt, auf dessen Initiative hin sich die ARD zu dem Fernsehzweiteiler „Der Untergang der Pamir“ entschloss. Herausgekommen ist jedoch ein brav-biederes Spritzwasser-Spektakel, dessen beklagenswerter Mangel an Timing nur vom eklatanten Irrglauben noch übertroffen wird, dass eine Katastrophe sich praktisch von selbst erzählt. Eine Dreiviertelstunde klaubt der Film sein Personal an Land zusammen, skizziert die Charaktere, deutet deren Probleme an und gibt sich maritimer Folklore hin, bevor es endlich losgeht. Der Bordalltag wird nur in Ansätzen als soziales Konfliktfeld und elende Schufterei inszeniert. Der Autoritätskonflikt, der sich um den neuen Kapitän (verkniffen: Herbert Knaup) entspinnt, gewinnt auch vor dem Hintergrund der Affäre nicht an Kontur, die seine junge Frau daheim mit einem Flugkapitän eingeht. Als die „Pamir“ nach 150 Filmminuten schließlich doch noch in den Hurrikan gerät, vollzieht sich ihr Tod imposant. Aber Drehbuchautor Fritz Müller- Scherz („SK Kölsch“, „Alarm für Cobra 11“) und Regisseur Kaspar Heidelbach („Tatort“) vergeben die Chance, das seelische Drama der im Sturm allein gelassenen Schiffsjungen auszuloten, wie Ridley Scott es in „White Squall“ vorgeführt hat.

Der „Pamir“-Bootsmann, ein 68-jähriger Rahsegler-Veteran, war zu gebrechlich, um sich in dem kollabierenden Schiff allein zurechtzufinden; seine Schüler mussten ihm nach oben helfen. Im Film heißt der Mann nun Alexander Lüders, ist das Mannsbild von einem Kerl und wird von Behrendt selbst gespielt. Er hat seine Frau verloren und seiner Tochter versprochen, an Land zu bleiben. Er bricht sein Versprechen, aber weil er wieder nach Hause kommt, ist alles gut. Ein Rührstück.

„Der Untergang der Pamir“,

Arte, 20 Uhr 40

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