2. Weltkrieg : Wehrmacht im Eis

Das Schlachtfeld Skandinavien während des zweiten Weltkrieges ist medial noch weitgehend unerforscht. Die Arte-Reportage "Krieg in der Arktis" beleuchtet die Operationen der Wehrmacht in Norwegen.

Gebirgseinheit
Sport im Norden. Sportfest einer Gebirgseinheit im norwegischen Kirkenes. -Foto: Arte

Jedes Jahr im Sommer, wenn das Eis am Polarkreis taut, tauchen stumme Zeugen auf: Utensilien von Soldaten, sogar Geschütze und Panzer. An der Küste rosten gestrandete Zerstörer vor sich hin, und die Hütten der Wetterstation „Haudegen“ auf Spitzbergen, wo im September 1945 die letzten Deutschen kapitulierten, gammeln vor sich hin. Spuren des Zweiten Weltkriegs in Norwegen und Finnland haben Ralf Daubitz und Jens Becker für den zweiteiligen Arte-Film „Krieg in der Arktis“ entdeckt. Sie rekonstruieren darin einen Nebenschauplatz, der für den Kriegsverlauf nicht unbedeutend war und auf dem mehr als 100 000 Menschen getötet wurden.

Hitlers „Operation Weserübung“ begann im April 1940 und sollte unter anderem die für die Stahlproduktion wichtige Versorgung mit Eisenerz über den norwegischen Hafen Narvik sichern. 15 Monate später griffen Wehrmacht und die verbündeten Finnen die UdSSR im hohen Norden an. Das Ziel, der Polarmeerhafen Murmansk, über den die Alliierten die Rote Armee mit Waffen versorgten, wurde nie erreicht. Finnland einigte sich mit Stalin auf einen Separatfrieden, und die einstigen Waffenbrüder wurden aus dem Land getrieben – die SS hinterließ beim Rückzug auf Hitlers Befehl verbrannte Erde.

Manches an „Krieg in der Arktis“ ähnelt dem üblichen Schema der TV-Geschichtsschreibung: die nervige, dumpf dröhnende Begleitmusik; die Zeitzeugen, die immer vor demselben roten Vorhang sitzen. Allerdings verzichten die Autoren auf die künstliche Dramatik nachgestellter Spielszenen und überzeugen durch bemerkenswerte Materialfülle. Immer wieder können sie Erinnerungen der Zeitzeugen durch Originalaufnahmen belegen. Die Kriegsbilder in Schwarz-Weiß kontrastieren Daubitz und Becker mit der Naturschönheit der kühlen Landschaft.

Der Größenwahn der Nazis wird nicht nur im arktischen Kirkenes deutlich, wo die Wehrmacht Schilder aufstellen ließ: 3881 Kilometer ist der Ort von Berlin entfernt. An den Geschmack der Bonbons, die Soldaten an Kinder verteilten, erinnert man sich noch heute, behauptet eine Einwohnerin. Spannend und lebendig werden die Filme ohnehin vor allem, wenn es weniger um militärische Stellungen und Kriegsverlauf geht als um den Alltag von Besatzern und Einheimischen. So kommen in Finnland einige Frauen zu Wort, die von deutschen Soldaten schwanger wurden.

Seltsam nur, dass es eine historische Dokumentation über die Jahre 1940–45 fertigbringt, keinen Satz über die Judenverfolgung zu verlieren. Die hat es auch im Schatten des „Kriegs in der Arktis“ durchaus gegeben: In Norwegen wurde etwa die Hälfte der 1500 Juden deportiert und getötet. tgr

„Krieg in der Arktis“, Arte, 20 Uhr 40

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