20 Jahre Wiedervereinigung : Neue Länder, neue Sender

Warum die Menschen in Ost- und Westdeutschland die Medien noch immer unterschiedlich nutzen.

Christian Helten
Horst Krause steht für den erfolgreichen Wechsel des „Polizeiruf 110“ zu einem gesamtdeutschen Krimiformat. Vielen anderen Medien ist das nicht geglückt. Foto: RBB
Horst Krause steht für den erfolgreichen Wechsel des „Polizeiruf 110“ zu einem gesamtdeutschen Krimiformat. Vielen anderen Medien...Foto: rbb/DOKFilm/Arnim Thomaß

Die Zeiten, in der die Region um Dresden mangels Westfernsehen scherzhaft „Tal der Ahnungslosen“ genannt wurde, sind lange vorbei. Heute können die Menschen in den neuen Bundesländern dasselbe sehen, lesen und hören wie in den alten. Aber sie tun es nicht. Sie sitzen länger vor dem Fernseher, sie favorisieren andere Sender, andere Zeitungen und Zeitschriften.

Auf dem Printmarkt zeigt sich, dass die deutschen Leitmedien eigentlich westdeutsche Leitmedien sind. Denn die Zeitschrift des Ostens ist die „Super Illu“, sie erreicht dort nach eigenen Angaben 38,5 Prozent mehr Leser als „Spiegel“, „Focus“, „Stern“ und „Bunte“ zusammen.

Der Erfolg der „Super Illu“ verdeutlicht, warum die Unterschiede in der Mediennutzung auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung so groß sind. Im Gegensatz zum Großteil der anderen Medienangebote befriedigt sie die Bedürfnisse der Leser zwischen Erzgebirge und Ostsee, sie finden sich und ihren Alltag im Blatt wieder, und zwar in „Geschichten mit motivierendem Charakter“, wie Chefredakteuer Jochen Wolff sagt. Die Leitmedien hingegen zeichnen oft ein negatives Bild der Ostdeutschen, wie Rainer Gries, Historiker an der Universität Jena, in der über 15 Jahre angelegten Inhaltsanalyse „Die Ostdeutschen in den Medien“ herausfand. „Es wird von oben herab berichtet. Die Westdeutschen sind die Gebenden und Wissenden, die Ostdeutschen Empfänger von Know-how und Zuwendungen. Und die DDR-Vergangenheit wird nur in ihren dunkelsten Facetten gezeigt.“ Die „Super Illu“ versuche das zu vermeiden, sagt Wolf: „Wir trennen zwischen Staat und Menschen. Das Leben von damals ist wertvoll.“ Er hat seine Redaktion zu zwei Dritteln mit Journalisten aus dem Osten besetzt, um bei der Berichterstattung nicht in eine „Korrespondentensicht“ zu verfallen.

Der MDR fährt eine ähnliche Strategie wie die „Super Illu“: In Talkshows wie dem „Riverboat“ treten viele Stars aus DDR-Zeiten auf, alte „Polizeiruf“-Folgen gehören zum Programm. Die MDR-Zuschauer belohnen das. Sie schalten ihr drittes Programm deutlich öfter ein als das in den West-Bundesländern geschieht.

In den neuen Bundesländern läuft der Fernseher generell länger als in den alten – im Durchschnitt um 45 Minuten pro Tag. Den Rekord halten die Brandenburger mit vier Stunden und 20 Minuten. Am häufigsten wird im Osten RTL eingeschaltet, der Kölner Sender ist hier sogar Marktführer, im Gegensatz zum Rest der Republik, wo ARD und ZDF vorne liegen. Die Zuschauer im Osten befriedigen vor dem Fernseher vor allem ein stärker vorhandenes Bedürfnis nach Unterhaltung, folgert der Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen in seiner Studie „Warum sieht der Osten anders fern?“.

Daraus kann aber nicht geschlossen werden, dass die Menschen in Thüringen oder Sachsen per se anders fernsehen. Das sei ein Trugschluss, die Erklärung liege in der sozialen Stellung, sagt Meyen: „Je weiter unten jemand in der gesellschaftlichen Hierarchie steht, oder je weiter unten er sich fühlt, desto mehr und desto unterhaltungsorientierter sieht er fern.“ Dieser Zusammenhang gilt überall. Im Osten sind diese unterhaltungsorientierten Gruppen aber besonders stark vertreten.

So gesehen sagen diese Unterschiede in der Fernsehnutzung nichts über die Menschen im Osten Deutschlands. Sie sind nur ein Indikator für die soziale Ungleichheit zwischen Ost und West.

5 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben