Medien : „22 Uhr 15 ist gefühlt viel früher“

RBB-Intendantin Dagmar Reim über die ARD-Programmreform und den Umbau des eigenen Senders

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Frau Reim, was muss im Jahr 2005 beim Rundfunk BerlinBrandenburg besser werden, als es im Jahr 2004 war?

Die Kommunikation im RBB muss besser klappen, da hat es eindeutig Defizite gegeben. Was aber wichtiger ist: Wir werden an der Entwicklung unserer Programme weiterarbeiten. Nehmen wir das Fernsehprogramm: Wir sind zum Auftakt des neuen RBB Fernsehens im März 2004 mit zwölf neuen Formaten gestartet. Von einigen werden wir uns verabschieden, neue werden wir nachschieben. Unsere programmliche Handschrift muss noch deutlicher werden.

Welche Sendung stirbt den Heldentod? Von der Talkshow „Leute am Donnerstag“ wissen wir ja schon, dass Ende März Schluss ist.

Da wissen Sie mehr als ich. Die erste Frage ist eine ökonomische: Was können wir selbst machen, was können wir aus dem reichen Schatz der ARD und der übrigen Dritten übernehmen? Ein Sendeschluss von „Leute am Donnerstag“ ist denkbar. Das programmliche Konzept in dieser Frage muss jetzt die Fernsehdirektion entwickeln. Einen Grund, in Trübsinn zu verfallen, gibt es nicht. Die „NDR-Talkshow“ hat in ihren 25 Jahren mehr als hundert Moderatoren gesehen, „Riverboat“ vom MDR hat zahlreiche Mannschaften versenkt, bis dann das jeweils richtige Team stand. Talkformate sind dem steten Wandel unterworfen. Wenn wir uns jetzt von einem Format verabschieden würden, wäre das kein Ausstieg für immer.

Jan Lerch moderiert seit dem 1. Januar nicht mehr auf dem Bildschirm für den Rundfunk Berlin-Brandenburg. Was sagen die Zuschauer?

Eine überschaubare Zahl von Zuschauern hat uns geschrieben, dass sie das nicht gut finden. Wir haben ihnen folgendes geantwortet: Wir bedauern das auch. Aber kein Unternehmen kann es hinnehmen, dass einer seiner Mitarbeiter es betriebsintern und öffentlich in unsachlicher Weise herabsetzt, auch wenn das vermeintlich geschieht, um Belange freier Mitarbeiter zu vertreten.

Nach den Querelen um Jan Lerch und um den Status der freien Mitarbeiter wurde eine Mediatoren-Gruppe im Sender eingesetzt. Ist das nicht beschämend, wenn in einem Medienunternehmen Mitarbeiter sich gegenübersitzen und eine Hausordnung entwerfen müssen, damit sich Betriebsfrieden und Loyalität einstellen?

Ich habe erkennen müssen, dass Verabredungen darüber, was im zwischenmenschlichen Umgang möglich ist und was nicht, im RBB, am Standort Berlin, nicht selbstverständlich sind. Das mag damit zu tun haben, dass es hier doch sehr spezielle Erfahrungen gegeben hat. Diese Diskussion über den Umgang miteinander muss im RBB gründlich und grundsätzlich geführt werden. Dazu haben wir die Gruppe „RBB im Dialog“ eingerichtet. Auf meinen Vorschlag hin hat die Gruppe einen externen Moderator hinzugezogen, Roland Kunkel, einen professionellen Coach. Ich finde es übrigens gar nicht beschämend, wenn wir den Konflikt analysieren, und uns fragen, was wir daraus lernen.

Was lernt die Intendantin daraus?

Wir sind ein Haus mit unterschiedlichen Vergangenheiten in SFB und ORB. Jetzt schaffen wir einheitliche Rahmenbedingungen, wir werden sie einheitlich anwenden, bei den Mitarbeitern im Haus und bei den freien Mitarbeitern, in Berlin und in Potsdam. Eine Corporate Identity, ein RBB-Bewusstsein wollen wir entwickeln. Da ist der Pförtner genauso gefordert wie die Intendantin. Auf eines werde ich immer Wert legen, ganz gleich, ob ich in Grönland arbeite oder in Berlin-Brandenburg: Die Achtung vor dem anderen muss gewahrt werden. Ich erwarte nicht, dass bei den unerlässlichen Schritten, vor denen wir stehen – sozialverträglicher Abbau von 300 Stellen und in der Folge auch Einschränkungen des Umfangs der freien Mitarbeiter – auch nur irgendeiner in Jubel ausbricht.

Im Tagesspiegel stand der Satz: „Frau Reim schafft es, jede Frage als Machtfrage misszuverstehen.“

Ich sehe mich in diesem Satz nicht charakterisiert.

Jobst Plog, Intendant des NDR, hat sich dafür ausgesprochen, dass Politiker und Parteienvertreter die Aufsichtsgremien der öffentlich-rechtlichen Sender verlassen sollen. Hat er Recht?

Er hat es im Nachgang zu seinem Artikel in der „Zeit“ präzisiert: Regierungsvertreter sollten die Gremien verlassen. Da bin ich seiner Meinung. Vertreter politischer Parteien können durchaus in die Aufsicht öffentlich-rechtlicher Sender gehören. Wer es mit den gesellschaftlich relevanten Gruppen ernst meint, kann die Parteien nicht einfach ausschließen.

Werden sich die Regierungsvertreter zurückziehen?

Aus dem RBB-Rundfunkrat muss sich keiner zurückziehen. Unser Staatsvertrag erlaubt keine Regierungsvertreter in den Gremien.

Stimmt denn dieser Mythos überhaupt, dass Politiker in Funkhäusern mitregieren?

Ich habe es so nicht erlebt. Das soll nicht heißen, dass es derlei Versuche nirgendwo gegeben hätte. Man kann sagen: Eitelkeiten gibt es allüberall, das ist nicht auf Politiker beschränkt. Auch der Gewerkschaftsboss und der Sportfunktionär können sehr daran interessiert sein, sich im Fernsehen zu sehen. Was dabei leicht übersehen wird: Die Bedeutung des Mediums ist durch die Vielzahl der Kanäle so stark relativiert, dass niemand mehr zu große Erwartungen an seine 20 Sekunden Präsenz auf dem Schirm haben sollte.

Die ARD plant: „Tagesthemen“ um 22 Uhr 15, neue Struktur bei den politischen Magazinen – was springt da für den Zuschauer raus?

Die Zuschauer haben uns massiv erkennen lassen, dass ihnen die „Tagesthemen“ um 22 Uhr 30 zu spät kommen. 22 Uhr 15 ist gefühlt viel früher. Auch Sendungen wie „Beckmann“, „Schmidt“, „Polylux“ kämen früher. Was die politischen Magazine angeht: Die ARD hat sechs davon. Diesen föderalen Reichtum, diese Vielfalt bietet kein zweites Rundfunksystem. Wenn „Panorama“, „Kontraste“ oder „Fakt“ künftig um 21 Uhr 45 starteten und künftig 30 Minuten statt wie bisher 45 Minuten dauerten, dann müssten die Magazinleute überlegen, wie ist die Textsprache, wie ist die Bildsprache, was müssen sie in Zeiten veränderter Sehgewohnheiten verändern? Mir erschienen sechs mal 30 Minuten nicht als Katastrophe.

Müssen es weiterhin sechs Magazine sein?

Glauben Sie, dass der NDR auf „Panorama“ verzichten würde?

So wenig wie der RBB auf „Kontraste“. Also könnte die Lösung sein: Sechs Magazine, je drei am Montag, je drei am Donnerstag, alle 30 Minuten lang.

Ich könnte mit dieser Lösung sehr gut leben.

Das Interview führte Joachim Huber.

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