Medien : 25 Kameras gegen 22 Spieler

Die Berliner Ausstellung „Tor! Fußball und Fernsehen“ beschreibt ein prekäres Verhältnis

Joachim Huber

Vor dem Anpfiff ist nach dem Abpfiff. Die Fernsehkamera gleitet über ernste, angespannte Gesichter, die Fernsehkamera schwenkt über gelöste, jubelnde Mienen. Die nervösen Männer sind die WM-Teams der Bundesrepublik Deutschland und der Niederlande vor dem Endspiel 1974, das die Deutschen mit 2:1 gewinnen werden. Die jubelnden Frauen gehören zur deutschen Nationalmannschaft, die das WM-Finale 2003 mit 2:1 gegen die Schwedinnen gewonnen hat. Mit den beiden Großprojektionen wird das Thema eingefasst: „Tor! Fußball und Fernsehen“, eine Ausstellung im künftigen Fernsehmuseum am Potsdamer Platz. Niemals wären wir den deutschen Heldinnen und Helden so nahe kommen, wenn das Fernsehen nicht die beiden Fußballspiele abgebildet hätte. Das Medium und dieser Sport gehören zusammen, das ist mittlerweile eine Binse, aber in welchen Facetten sich dieses Verhältnis ausprägen kann, das zeigt diese Ausstellung.

Fast muss man in Erinnerung rufen, dass der Fußball älter ist als das Fernsehen, weil die Sportart so hervorragend ins elektronische Medium passt. Das Spiel in der Breite seiner Spielfläche passt ins breitformatige Medium, das Spiel dauert mit 90 Minuten so lange wie ein Fernsehfilm, das Spiel braucht eine Halbzeitpause, ideal für die Werbung. Die 170 000 Euro teure Ausstellung, offizieller Beitrag des Kunst- und Kulturprogramms der Bundesregierung zur Fifa WM 2006 in Zusammenarbeit mit dem OK Fifa WM 2006, memoriert in ihrer ersten Sequenz „Bild und Wort“ die frühen 50er Jahre, als die Radioreportage noch die Königsdisziplin der Fußballberichterstattung war. Mit und nach dem WM-Triumph 1954 in Bern wird das Fernsehen den Hörfunk als Medium des Spiels überholen. Der Zuschauer kann sich fortan sein eigenes Bild machen. Der Anfang der Fernsehübertragung zeigt Totalen oder Halbtotalen des Feldes, lange Schwenks, die dem Spiel das Tempo verleihen, das es realiter hat.

Bei der anstehenden WM 2006 werden 25 Kameras für die Übertragung eines Spieles sorgen. Mehr Kameras rund um den Rasen als Spieler aufm Platz! Das wird ein rasantes Schnittballett werden, verbunden mit einer weiteren Personalisierung der Akteure, zugleich das Geschehen in vielleicht nie gekannter Dimension emotionalisiert wird. Das eine, das besondere Bild wird gesucht (und gefunden). Christian Eichler stellt in seinem „Lexikon der Fußballmythen“ fest: „Dass der heutige Fußball so viel schneller und athletischer wirkt als der vor zwanzig oder dreißig Jahren, (...) hat vielleicht mehr mit dem Fortschritt des Fernsehens als dem des Fußballs zu tun.“

Die Ausstellung beschreibt die Entwicklungsschübe von der braven „Sportschau“ mit den brav gescheitelten Männern über den Fußball-Klimbim des Privatfernsehens bis hin zum (boulevardesken) Medienspiel um alles und alle im FußballProfibusiness. Längst dauert ein Spiel nicht mehr 90 Minuten, eine Übertragung ist ein Event mit eingeübten Ritualen, mit Vor- und mit Nachspiel. Wer will, kann in der Schau die Schlussminuten des Champions-League-Finales Bayern München gegen Manchester United selber kommentieren und feststellen, welche Tücken, Missgeschicke, Irrtümer in der freien Rede hinterm Mikrofon lauern.

Und wer will, kann sich auf einer Monitorwand aktuelle Fußballshows aus vieler Herren Länder anschauen. Stolz, Frust, Begeisterung, Fachsimpelei, Frauen, die sich vor Spielergebnissen räkeln – Fußball bewegt global auf vergleichbare Weise, da braucht es keine Übersetzung. Die Journalisten, Protagonisten der Abteilung „Schau und Show“, sind in besseren Fällen kühle Berichterstatter und Analytiker, andererseits und immer häufiger Conferenciers der Aktionen und Akteure. Berühmt-berüchtigte Sequenzen wie Carmen Thomas im „Aktuellen Sport-Studio“ des ZDF, aber auch das Weizenbier-Duell Hartmann gegen Völler fehlen nicht. Kommentatoren und Experten sind heute Stars mit der Autogrammkarte in der Brusttasche.

Mit dem Kapitel „Geld und Gefühle“ kommt die Ausstellung zum heute entscheidenden Motor der Fernseh-Fußball-Maschine. Addiert man die diversen Medienrechte zusammen, dann werden die deutschen Profiklubs in den nächsten drei Jahren 420 Millionen Euro kassieren. Ohne das Geld des Fernsehens, damit der Sponsoren und des Merchandising, würde der Profisport nicht existieren. Das muss keiner bejammern, was die Ausstellung auch nicht tut; sie hat auch schwarze Momente im Blick, wenn das Fernsehen Augenzeuge der Stadionkatastrophe in Brüssel vom Mai 1985 wird.

Bei allem Geld, den Hooligans zum Trotz will das Medium die heile Welt inszenieren. Der Fußball und das Stadionereignis sind (nur noch) der Rohstoff, der vom Fernsehen weiterverarbeitet und in dessen Sinne veredelt wird. Da werden über Ballack und Ronaldinho, Beckham und Zidane Popgrößen etabliert, bigger than life und größer, als es Mick Jagger oder Bob Dylan jemals waren. Kaum ein Bundesligaspieler macht nach dem Abpfiff den Mund auf, bevor nicht hinter ihm die Plexiglaswand mit Werbe- und Sponsorenaufdrucken platziert ist. Auch die Fans in der Stadionkurve reagieren auf das Fernsehen. Ihre Plakate und Transparente sind von der Art, dass die Kamera sie nicht übersehen kann.

Groß ist die Ausstellung nicht. Sie kommt mit einem halben Fußballfeld aus, sie entwickelt ihre Kurzgeschichte zur Liaison von Fußball und Fernsehen aus der Prägnanz der sieben Projektionen und der Tiefe der 26 Bildmonitore. Es gibt Schautafeln und einige Memorabilien wie Spickzettel der Kommentatoren und, auf einem Samtbettchen platziert, liegt jener Löffel zur Bewunderung bereit, mit dem der junge Franz Beckenbauer und spätere Fußballkaiser seine Knorr-Werbe-Suppe auslöffelte.

Wer den Ton angibt? Das Bild! Bei der anstehenden WM wird erstmals bei allen 64 Spielen das Flutlicht angeschaltet, selbst bei den Partien, die um 15 Uhr angepfiffen werden. Die strahlenden Scheinwerfer sollen helfen, bei starker Sonneneinstrahlung den oft lästigen Tribünenschatten auf dem Fernsehbildschirm abzuschwächen. Das WM-Organisationskomitee hat ausgerechnet, dass auf einen Stadionbesucher 15 000 Fernsehzuschauer kommen werden. Vor dem Anpfiff ist vor der Fernsehübertragung.

„Tor! Fußball und Fernsehen“. Eine Ausstellung im Fernsehmuseum der Stiftung Deutsche Kinemathek, Filmhaus am Potsdamer Platz (Sony-Center), 5. Mai bis 30. Juli, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 10 bis 20 Uhr. Eintrittspreis: Erwachsene drei Euro, ermäßigter Eintritt zwei Euro.

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