3sat-Doku "Mission Control Texas" : Gotteskrieg im Bibelgürtel

Die preisgekrönte Doku "Mission Control Texas" zeigt den Kampf einer religionskritischen US-Talkshow gegen fundamentalistische Christen.

Nikolaus von Festenberg
Wo der Glaube notfalls mit der Waffe verteidigt wird: Predigt in einer Cowboykirche. Und danach der Schusssegen.
Wo der Glaube notfalls mit der Waffe verteidigt wird: Predigt in einer Cowboykirche. Und danach der Schusssegen.Foto: Stefan Linn/ZDF

Nun danket alle Gott. Gute Nachricht für die Waffennarren einer ultrakonservativen Christengemeinschaft. Die Strafen für das Mitbringen von Pistolen in den Gottesdienst sind im Staate Georgia gesenkt worden. Und, gelobt sei der Herr, es gibt einen Pfarrer, ebenfalls bewaffnet, der sich nach dem Schlusssegen mit den bewaffneten Brüdern im Geiste austauscht nach dem Motto: Wenn wir die Herzen nicht erreichen, müssen es eben die Waffen tun. Amen.

Die bizarre Szene kommt in Ralf Büchelers Dokumentation „Mission Control Texas“ vor, die auf dem 30. Internationalen Dokumentarfilmfestival in München einen Förderpreis erhielt und am Sonntagabend auf 3Sat läuft. Da Büchelers Film der beinharten Ideologie des hergebrachten Dokumentationsfilms folgt, nur Bilder und O-Ton sprechen zu lassen und nichts von außen zu erklären, erfahren wir Zuschauer nicht, ob stimmen könnte, was da – wo eigentlich?, und von wem?, die Inserts schweigen – gesagt wird. Und ob es sich bei dem Waffenirrsinn um eine verbreitete Erscheinung handelt.

Dem Autor geht es darum, seine „Diskurskomödie“ mit Stimmungsbildern anzuheizen, die für religiösen Überdruck in der US-Provinz stehen. Die haben es schon in sich für uns Europäer. Wir sehen Rodeoveranstaltungen, vor deren Beginn zu Gott gebetet und die Nationalhymne gesungen wird. Weißhaarige Lassowerfer gehen in die Knie, die ungezähmten Kälber sind segensmäßig mitversichert. Wir sehen Bilder von tränenreichen Wunderheilungsversuchen in Kirchen, von zu Jesustreue gedrängten Kindern, die zu einer Woche lautem Beten angehalten werden. Und von christlich bemäntelten Drohungen gegen eine in Religionsfragen allzu zurückhaltende Politik, die den Militärseelsorgern in officio das Wort Jesus verbiete, weil das die Gleichberechtigung der Religionen verletze. Wie bitte? Der Filmemacher schweigt.

Wäre eine solche Talkshow im deutschen Fernsehen vorstellbar?

Der Film will in O-Ton-Manier von der Talkshow „The Atheist Experience“ berichten. Sie ist vor 17 Jahren in Austin/Texas entstanden. Ein leider nicht näher vorgestellter Moderator Matt Dillahunty legt sich aus atheistischer Perspektive mit religionsüberzeugten Anrufern an. Da kommen viele Fragen zur Bibel. Es geht um den Anfang der Welt, um den Wahrheitsgehalt des Glaubens, um die Frage, ob die Bibel die Sklaverei billigt, um die Ängste von Menschen, die sich von der rigorosen Frömmigkeit ihrer Eltern zu lösen versuchen, um ganz irdische und hochphilosophische Probleme, zum Beispiel, wie der Ablehner der Religion seine Einsamkeit erträgt. Mit anderen Worten um Aufklärung.

Bei der Beobachtung des Sendebetriebs, im kollegialen Umgang der für „The Atheist Experience“ verantwortlichen Mitarbeiter – die Sendung hat sich seit 17 Jahren von lokaler Reichweite zu einem überregionalen Treff im Kabelnetz entwickelt – lässt sich lernen, wie wunderbar direkt in amerikanischen Medien kommuniziert werden kann. Matt Dillahunty ist kein unnahbarer Expertengott, aber auch keine Empathiesuse. Er geht Dieter-Bohlen-haft gnadenlos mit kenntnislosen Bibelauslegern um und schmeißt sie aus der Telefonleitung: Du hast wohl eine Leseschwäche. Er kann aber auch zuhören und folgt der Gretchenfrage bis in spekulative Höhen.

Die Frage stellt sich dabei zwangsläufig: Ist das in Deutschland für solche Fragen auch zuständige öffentlich-rechtliche Fernsehen zu etepetete? Einfach mal am Telefon journalistisch und subjektiv mit dem Hörer über Gott oder Nichtgott zu reden, ohne dass die Kirchen sich einmischen? Nikolaus von Festenberg

„Mission Control Texas“, 3Sat, Sonntag, 21 Uhr 45

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