50 Jahre Telekolleg : Bildung kommt von Bildschirm

Fernsehen von gestern für morgen: Das Telekolleg wird 50 Jahre alt. Inzwischen machen allerdings nur noch zwei Bundesländer mit.

Rosa Feigs
Mit Stift und Papier. Der Unterricht in den Kollegtagschulen ergänzt das Lernen vor dem Fernsehbildschirm.
Mit Stift und Papier. Der Unterricht in den Kollegtagschulen ergänzt das Lernen vor dem Fernsehbildschirm.Foto: BR

Auf dem Flatscreen-TV in Fürstenwalde läuft die Sendung „Lösungsverfahren für lineare Gleichungssysteme“. Eine alte VHS-Kassette aus längst vergangener Zeit? Wirklich nicht. Über den Bildungssender ARD Alpha kann jeder Brandenburger (und jeder Bayer) das vom Bayerischen Rundfunk verantwortete „Telekolleg“ verfolgen und damit auf den zweiten Bildungsweg die allgemeine Fachhochschulreife erwerben.

Beflügelt von den Forderungen der 60er Jahre nach „Bildung als Bürgerrecht“ sollte das im Jahr 1967 gestartete Programm jenen eine Ausbildung ermöglichen, die aus finanziellen oder logistischen Gründen wenig Aussicht hatten, einen höheren Bildungsgrad zu erreichen: junge Landwirte, Hausfrauen, Insassen von Haftanstalten und andere, die es, wie beispielsweise ein früherer Teilnehmer des Telekollegs, vom Mechaniker zum Ingenieur bringen wollten. Dazu nötig, so das Versprechen, waren nur Motivation und ein Fernsehanschluss, das wichtigste Instrument des Telekollegs. Seit nunmehr 50 Jahren wird das Programm regelmäßig ausgestrahlt, auch wenn sich die Rahmenbedingungen stark gewandelt haben.

Nur noch zwei Bundesländer

Der durchschnittliche Teilnehmer des Telekollegs ist nach Angaben des Leiters des Programmbereichs Wissen und Bildung beim BR und Verantwortlichen für das Telekolleg, Werner Reuß, 28 Jahre alt, die Inhalte der Lehrsendungen kann er außer per Fernsehausstrahlung in komprimierter Form auch online abrufen. An der ungewöhnlichen Zusammenarbeit zwischen Rundfunkanstalten und sechs Bundesländern in Bildungsfragen halten nur noch die Bildungs- und Kultusministerien von Bayern und Brandenburg fest. Rheinland-Pfalz bot die Kurse letztmals 2014 an. Immerhin: Über die Jahre machten über 65 000 Schülerinnen und Schüler ihren Abschluss, in Brandenburg konnten seit 2011 mehr als 100 Teilnehmer die Fachhochschulreife erlangen. Der Aufwand ist für die Länder denkbar gering, finanziert wird das Telekolleg über die Anmeldegebühren beim BR, in Brandenburg erteilen die Lehrkräfte den Unterricht in ihrer regulären Arbeitszeit.

Neben diesem offenen Bildungsangebot verursachte auf Länderebene zuletzt ein anderes audiovisuelles Programm für einen Hype. Die sogenannten MOOCs (Massive Open Online Courses) sollten ebenfalls kostengünstig Inhalte vermitteln. Daran beteiligte sich auch die Fachhochschule Potsdam mit dem Online-Kurs „The Future of Storytelling“. Der Plan des freiwilligen Lernens ging nicht auf, die Abbrecherquote der Eingeschriebenen lag bei bis zu 90 Prozent. „Ein Faktor wird die Selbstdisziplin gewesen sein" konstatiert Werner Reuß. Beim Telekolleg setzte man von Beginn an auf eine Kombination aus verschiedenen Lernmethoden. Den Bildungserfolg garantieren sollte die enge Verbindung aus Fernsehsendungen, Begleitmaterial und Präsenzunterricht an den sogenannten Kollegtagschulen, zu denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer alle paar Wochen in zentral gelegenen Schulen zusammenkamen.

Vergleicht man die Sendungen der ersten Jahre mit dem Angebot von heute, fühlt man sich unverändert stark in die Schulzeit zurückversetzt. Zwar ist Farbe ins Fernsehen gekommen, die klassische Form des Frontalunterrichts ist jedoch noch immer charakteristisch für die Sendungen. Konkurrierende Konzepte machen dem BR jedoch keine Sorgen: „Es kann nie zu viele Bildungsangebote geben“, sagt Reuß. Schätzungen des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung zufolge haben mehr als sieben Millionen Menschen in Deutschland Probleme mit dem Lesen und Schreiben, von den 25- bis 30-Jährigen hatten 2014 über drei Prozent keinen allgemeinbildenden Schulabschluss.

Telekolleg 4.0

Ob das Telekolleg auch ein 100jähriges Bestehen feiern wird? Mit Videos, Audios, Animationen, Grafiken und Texten versucht man zumindest Schritt zu halten mit den digitalen Anforderungen. Für das Telekolleg 4.0 setzt man auf einen Ausbau auf digitaler Ebene: „In zehn Jahren sollte der mediale Teil des Telekolleg ein offenes Online-Angebot für jedermann sein.“ Laut Reuß besteht das Telekolleg dann weiterhin aus klassischen Lerninhalten, aber auch aus sehr zeitgemäßen Modulen.

Mit praktischen Übungen, die mit Methoden der Spieletechnik gestaltet sind, soll das Telekolleg auch mehr Spaß machen. Frei nach der Erkenntnis von Konfuzius: „Sag es mir, und ich werde es vergessen, zeig es mir, und ich werde es vielleicht behalten, lass es mich tun, und ich werde es können.“ Jedem eine Chance geben, möglichst viel zu tun, und das mit den Mitteln des Fernsehens – ja, es lebt noch, das Telekolleg.

www.br.de/telekolleg

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