Medien : 50 Jahre – und immer noch Teenager

„Bravo“ feiert Geburtstag. Starkult und Aufklärung sind noch immer die Säulen des Magazins. Seine Brisanz hat es jedoch verloren. Schockierten Eltern erklären, was ein „Rocker“ ist, und welche Wirkung von Bassgitarren ausgeht, muss heute keine Zeitung mehr.

Ulrike Simon

Niemand kann Peter Boenisch mehr fragen, was er gegen den Titel „Filmstar“ hatte. So wollte der Kindler-Verlag diese neue Zeitschrift nennen, die Boenisch 1956 erfunden hat. Der Mann, der später Chefredakteur von „Bild“ und Regierungssprecher von Helmut Kohl werden sollte, setzte sich durch. Die Entscheidung erwies sich als weise. Bald prägten nicht nur Schauspieler, sondern mehr und mehr Musiker die Jugendkultur. Ein Blatt mit dem Titel „Filmstar“ wäre sicherlich längst eingestellt. „Bravo“ dagegen, das ewig junge Blatt, wird am 26. August fünfzig Jahre alt.

Die 50er Jahre

„Die Zeitschrift für Film und Fernsehen“ folgte dem Bedürfnis der Nachkriegsjugendlichen, wenigstens zeitweise vor der Realität mit ihren Trümmern und Ruinen in die Welt der Leinwandstars zu entfliehen: James Dean, Horst Buchholz. Hildegard Knef und Peter Kraus hießen die neuen Vorbilder. Sie entsprachen dem Gefühl einer Jugend, die sich unverstanden fühlte. Der Kulturforscher Kaspar Maase glaubt, „Bravo“ habe dazu beigetragen, „die Hacken zusammenschlagende Verehrung des deutschen Militarismus zu beenden“.

Das neue Objekt der Verehrung wurde in Lebensgröße an die Wand gepinnt und hieß zum Beispiel Brigitte Bardot. Sie zierte 1959 den ersten „Bravo“-Starschnitt. Boenischs Erfindung erwies sich als genialer Marketingtrick, mussten die Leser doch jede Woche das Blatt kaufen, damit dem Puzzle am Ende nichts fehlt. Im selben Jahr gab es auch einen Starschnitt von Elvis Presley. Der „King of Rock’n’Roll“ war Ende 1956 der erste Star auf einem „Bravo“-Cover, der hauptberuflich nicht Schauspieler war. Von nun an gewann die Musik mehr und mehr Raum in „Bravo“.

Die 60er Jahre

Sexualität war in den prüden Elternhäusern der 60er Jahre ein Tabuthema. Da wirkte schon die biedere Serie „Knigge für Verliebte“ revolutionär. Hier beantwortete Dr. Christoph Vollmer Fragen rund um Treue und Heiratswünsche. Erst nach 1968 tauchte der real nie existierende Dr. Sommer auf. Er beantwortet die bis heute aktuellen Fragen, ob man vom Küssen schwanger werden kann und der Penis nicht doch zu kurz geraten ist.

Wichtigstes Ausdrucksmittel für Jugendliche war die Musik. Wahre Begeisterungsstürme gab es 1966, als „Bravo“ die Beatles zur „Blitztournee“ nach Deutschland holte. Die Fans reisten in Sonderzügen an. In Hamburg kam es zu Randalen. Die Erwachsenen verstanden die Jugend nicht mehr. Das „Sonntagsblatt“ half nach und definierte, was ein „Rocker“ ist: „Der ,Rocker’ zieht für die Bekleidung Leder dem Textil vor; er orientiert sich an Vorstellungen, die eine Mischung von amerikanischem Gangster, Cowboy und Sheriff verraten (…). Der ,Rocker’ ist fast ausschließlich zweirädrig motorisiert. Ein weiteres gewichtiges Anzeichen ist die Haartracht. Sie tendiert mehr zu einer weiterentwickelten Haartolle des sonst vergessenen Idols Elvis Presley als zur ins Kraut geschossenen Beatle-Mähne.“ Die Zeitung „Christ und Welt“ zeigte Verständnis für die Beatmusik, obschon deren Rhythmus „keine musikalischen Feinheiten zu kennen scheint“. Das Blatt erkannte das Verführerische im Klang der Bassgitarren, „deren Töne den menschlichen Körper als Resonanzboden aktivieren können, die ihn physisch ergreifen, so dass, wer die Kontrolle über sich selbst ohnehin nicht hat, sich diesen Tönen wehrlos ausliefert, mit ihnen sich bewegt oder zuckt, um in hilflosen Bewegungen zu enden sowie einer Katerstimmung völligen Erschöpftseins.“

„Bravo“ verkaufte zu dieser Zeit eine Million Exemplare und gehörte mittlerweile Axel Springer. 1968 reichte er den Jugendtitel weiter an den Bauer-Verlag, wo er bis heute erscheint.

Die 70er Jahre

Politisches fand in „Bravo“ keinen Platz. In diesem Kosmos waren andere Dinge wichtig. Da griffen Gilbert O’Sullivan und Chi Coltrane in die Klaviertasten, die Mädchen schmachteten David Cassidy an und die Jungs standen auf Suzi Quatro. Persönliche Überzeugungen schienen in der Frage zu münden, ob denn nun Sweet besser sind oder Slade. Der Glam-Rock war da, und glaubt man Fachleuten, warfen sich die Bands nur deshalb in glitzernde Fummel, weil ihnen musikalisch nichts einfiel. Den Fans von T. Rex oder Alice Cooper war es egal. Poster, auf denen androgyne Typen in hautengen Klamotten und mit geschminkten Augen posierten, schockten die Eltern. Je größer die Empörung war, desto interessanter erschien „Bravo“ für die Leser. Außerdem erfuhr auch der Teenager in der Provinz, was in London und anderswo angesagt ist. Aus Sicht der Erwachsenen schien die Jugend zu verrohen und im Drogenrausch unterzugehen. Anfang 1972 landete „Bravo“ denn auch mit zwei Ausgaben auf dem Index jugendgefährdender Schriften. Grund war ein Bericht über Selbstbefriedigung. Nicht Aufklärungs-, sondern Aufforderungscharakter habe das, schimpften Kritiker und warnten vor Rückenmarkschwund als Folge regelmäßigen Onanierens. Bauer, dessen andere Blätter wie „Praline“ oder „Neue Revue“ hießen, gewöhnte sich an seinen Ruf als Schmuddelverlag. Die Auflage stimmte. Fast 1,5 Millionen Exemplare verkaufte „Bravo“ 1979.

Die 80er Jahre

MTV geht auf Sendung. Es wird bunt und unübersichtlich, sei es in der Mode, in der Musik oder auf den Titelbildern von „Bravo“. Punk, Pop, die Neue Deutsche Welle und die ewigen Stars wie Winnetou, Elvis und die Beatles: „Bravo“ versucht alle zu bedienen. Aids wird Thema, aber „Bravo“ bleibt seinem Erfolgsrezept treu: kritiklos über Stars berichten, dem Leser vorgeben, den Idolen ganz nah zu sein und allem folgen, was sich kommerziell vermarkten lässt. Bald schon kommt kaum mehr eine Ausgabe ohne Nena aus.

Die 90er Jahre

Nach dem Fall der Mauer dachte „Bravo“ wohl, ausgesorgt zu haben, da ja nun noch mehr junge Leser zu dem Quasi-Monopolisten greifen werden. Rund um die Marke „Bravo“ wurden neue Titel gegründet: Zu „Bravo Girl“ und dem Fernsehformat „Bravo TV“ gesellten sich „Bravo Sport und „Bravo Screenfun“. Plötzlich begann der große Jammer. Die Zäsur war 1996, als sich die Boygroup „Take That“ auflöste. Die Auflage stürzte von 1,4 Millionen Exemplaren auf 834 000 im Jahr 1999. Der Kult um die Kelly Family brachte den Auflagenschwund nicht zum Stillstand. Die Konkurrenz nutzte die Gunst eines schwächelnden Marktführers. „Sugar“, „Yam“ und weitere Magazine kamen auf den Markt. Zudem startete RTL die tägliche Fernsehserie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, und wer über die Darsteller mehr wissen wollte, wurde von der gleichnamigen Zeitschrift zur Serie besser informiert als von „Bravo“. Der Chefredakteursstuhl kam ins Rotieren. Wer auch kam, um „Bravo“ zu retten, sang alsbald das Klagelied vom „Startal“.

Heute

Weder Britney Spears rettete die „Bravo“ noch der ständige Wechsel an der Redaktionsspitze. 2005 betrug die Auflage nur noch 505 000. Seit drei Quartalen steigt sie wieder – nicht zuletzt dank der Hysterie um die Teenie-Band „Tokio Hotel“. Tom Junkersdorf, seit einem Jahr Chefredakteur, beherrscht die Kunst, sich und „Bravo“ zu vermarkten. Im Heft setzt er auf die Säulen Stars und Aufklärung. Sein Rezept: schlagzeilen-orientierter Journalismus, Aufbau eigener Stars und eigener Aktionen wie jene gegen Gewalt in Schulen („Schau nicht weg“). Damit hofft er, die Auflage zu stabilisieren – trotz der Konkurrenten Handy und Internet – und „Bravo“ wieder ins Bewusstsein der Schülergeneration zu rücken. Nur eine Sache funktioniert nicht mehr bei „Bravo“: Sich für die Jungen interessant zu machen, indem man die Eltern schockiert. Die sind schließlich selbst mit dem Blatt groß geworden.

Teddy Hoersch (Hrsg.): „Bravo 1956 – 2006“. Collection Rolf Heyne, 784 Seiten, zahlreiche Fotos, 58 Euro.

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