Medien : 6 Boxer, 5 Runden, 0 Sieger

In der „Berliner Runde“ redeten die Politiker aneinander vorbei

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Von Désirée Bethge

Hier soll sein, was beim Duell nicht war – eine heftige, leidenschaftliche Auseinandersetzung. Zwischen: Merkel (CDU), Seehofer (CSU), Westerwelle (FDP); diese drei auf der linken Zuschauerseite, Clement (SPD), Fischer (Grüne), Zimmer (PDS); diese drei rechts. Teamchef Nikolaus Brender erklärt die Regeln: Hier wird miteinander, gegeneinander, aber nicht durcheinander diskutiert. Assistiert vom etwas hölzernen Bellut: Wir brauchen keine Lämpchen (wie beim Duell), die Kandidaten bekommen die gleiche Zeit zugeteilt, das machen wir nicht mit der Uhr, sondern durch unsere jahrelange Erfahrung.

Was fällt als erstes ins Auge – die Leere, das Nichts! Der Raum in der Mitte, markiert durch einen Kreis mit einem Kreuz mitten durch. Achtung – Symbolik! Es geht um die Wahl, wer hätte das gedacht?!

Das Feld in der Mitte, diese weite Fläche – hier wird es sicher passieren. Hier könnte Clement mit Zimmer Stepp tanzen, Westerwelle mit Fischer boxen, Seehofer mit Clement Finger hakeln … Aber nein, zu früh gefreut.

All dies geschieht, natürlich, nicht! Damit gar nicht erst zu heftig kommuniziert wird, hat das ZDF Pulte hingestellt. Für jeden Teilnehmer eins. So kann sich jeder zurückziehen, hinter seinen Tisch, kann darauf Papiere ausbreiten, schreiben, sich kratzen oder was auch immer. Stellen Sie sich vor, da würde der eine dem anderen gerne eine hauen – das macht man nicht mit so einem Möbel! Und dann geht’s los! Irak-Krieg. In der Diskussion. 20 Minuten lang. Attacke Merkel: deutscher Weg. Gegenattacke Clement: die Union eiert. Fischer erklärt mal ganz kurz, wie Außenpolitik geht. Westerwelle empfiehlt sich als Außenminister. Zimmer will keinen Krieg nirgends, wird in die Ecke gestellt. Gabi ist blöd, wenigstens aber naiv!, sagt die Körpersprache der anderen Beteiligten.

Zweite Runde: Steuer und Finanzpolitik. 20 Minuten. Attacke. Gegenattacke. Keiner gewinnt, keiner verliert. Sie haben damals … Und dann haben Sie … die Schäden der Flut bezahlen, aber wie … Zimmer will kostenlose Anwaltshilfe für die im Osten, die mit den Folgen der Flut kämpfen – ein netter konkreter Vorschlag, sagt Brender und würgt Gabi…

Nach 40 Minuten, in denen die Politiker ihre Nummer abziehen, mit Anspielungen, die unerläutert bleiben (Wissen die Zuschauer wirklich, was im Grünen-Programm von ’98 steht? Was containment bedeutet?), läutet Brender als Belohnung für alle, die durchgehalten haben, die dritte Runde ein. Die wichtigste. Das brennt den Menschen auf den Nägeln, sagt er: Thema Arbeitslosigkeit.

Und wieder wie gehabt: Attacke, Gegenattacke. Scheingefecht. Irgendwie reden die Deutsch, aber an mir vorbei. Es ist öde. SIE hatten damals – jetzt unter IHRER Regierung… Ganz am Schluss darf Zimmer was sagen, nur kurz, einmal, dann: Brender würgt Gabi.

Dasselbe haben wir nochmal beim Thema Gesundheit und Rente, und am Schluss: Brender würgt Gabi.

Und dann sind wir bei möglichen Koalitionen – auch da, alles wie gehabt, und auf keinen Fall mit Gabi.

Meine Erkenntnis: Die können sich nicht leiden. Die alte Regierung ist schuld. Die neue ist es auch schuld. Westerwelle würde es ja gerne richten, wir verstehen aber nicht, wie. Mit der PDS will keiner, die ist das schwarze Schaf in der Familie.

Meine Lieblingssätze: Gegen „seinen (Stoibers) Kurs ist die Echternacher Springprozession eine gradlinige Fortbewegung“ von Joschka Fischer und von Gabi Zimmer: „Ich kann’s mir unter bestimmten Aspekten eventuell vorstellen, halte es aber für relativ ausgeschlossen und sage noch einmal deutlich…“ zu einer Koalition mit SPD und den Grünen.

Meine Einschätzung. Da hat man sich verhoben. Mit allen Parteien fünf Themenkomplexe durchzuarbeiten, da kommen eben nur altbekannte Schuldzuweisungen und Schlagworte. Die Moderatoren waren reine Stichwortgeber, bei heftigem Schlagabtausch gewann meistens Fischer, der einfach am lautesten war. Die meiste Zeit war es langweilig auf hohem Niveau. Besser als das Duell? Nein! Nur länger!

Die Autorin coacht Moderatoren. Für den Tagesspiegel beobachtet sie Wahlsendungen.

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