60 Jahre ''Stern'' : "Ein Dampfer mit Flakkanonen"

Ex-Chefredakteur Michael Jürgs spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über Stärken und Schwächen der von Henri Nannen gegründeten Illustrierten "Stern".

Juergs
Michael Jürgs.Foto: dpa

Herr Jürgs, der „Stern“ wird heute 60. Ist er noch die „Wundertüte“, wie sie sich sein Gründer Henri Nannen wünschte?

Ich wundere mich über den „Stern“ immer noch, weil meist etwas drinsteht, was mich überrascht. Die klassische Wundertüte von damals ist er aber nicht mehr, sondern eine Mischung aus Nutzwert, Unterhaltung, Politik und diesem oder jenem. Er muss heute vielleicht eher die Generation erreichen, die von Rückenschmerzen und der Last berufstätiger Frauen mehr erfahren will als von der Liebe.

Ist es denn heute überhaupt noch möglich, eine „Wundertüte“ zu machen?

Natürlich ist es schwieriger wegen der Konkurrenz durch immer mehr Fernsehprogramme, aufgerüstete Tageszeitungen, die klassische Magazinelemente integriert haben und vor allem durch das Internet. Umso wichtiger ist es für ein Wochenmagazin wie den „Stern“, die Fantasie fliegen zu lassen und Geschichten zu erzählen, die hinter den Informationen stecken – dafür braucht man Mut, seine großen Möglichkeiten auszuspielen.

Der „Stern“ war zunächst Unterhaltungsdampfer, dann politisches Schlachtschiff – auf welchem Kurs wird er heute gesteuert?

Vielleicht ein Ausflugsdampfer mit ein paar Flakkanonen, falls angegriffen werden muss? Er glänzt bei investigativen Recherchen, wie kürzlich, als er den Lidl-Skandal aufdeckte. Die Optik ist nach wie vor entscheidend, seine Bildsprache. Ich wünsche mir ganz bescheiden aber öfters politische Titel.

Warum sollte der „Stern“ politischer sein?

Mit politischen Titeln macht man zwar offenbar keine Auflage, aber sie wahrzunehmen, gehört zur Pflicht eines bedeutenden Magazins. Man muss die Politik jedoch auch verkaufen können. Nannen hat uns eingebläut, wenn man predigt, müsse die Kirche voll sein.

Aber die Kirche ist nicht mehr voll. Die verkaufte Auflage des „Stern“ ist in den vergangenen zwei Quartalen unter die Millionengrenze gerutscht.

Es ist sicher ein Problem, dass diese magische Marke unterschritten wurde. Aber auch der „Spiegel“ verliert Leser, der „Stern“ steht mit seinen rund 987 000 verkauften Heften immer noch gut da. Zusammen mit dem „Spiegel“ spielt er in der ersten Bundesliga, der „Focus“ ist für beide keine Konkurrenz.

„Spiegel“ und „Focus“ erscheinen montags, der „Stern“ donnerstags. Ist das vielleicht ein Teil seines Problems?

Heute würde man ein Magazin wie den „Stern“ nicht mehr donnerstags erscheinen lassen. Damals war Donnerstag der richtige Tag, die Woche endete freitags um 14 Uhr, die Leute hatten Zeit zu lesen. Darum erscheint auch die „Zeit“ oder die „Bunte“ am Donnerstag. Heute hat die Woche sieben Tage, jeder kann jederzeit alles mitkriegen. Der „Spiegel“ profitiert immer noch unglaublich davon, dass mit ihm die Woche beginnt.

Gibt es den „Stern“ noch in 60 Jahren?

Egal, wer den „Stern“ macht – er wird nie das Problem bekommen, weshalb Magazine wie „Revue“ oder „Tempo“ verschwinden mussten: Sie sind irgendwann unwesentlich geworden. Der „Stern“ ist immer noch wesentlich und wird am Firmament der deutschen Presselandschaft ein Fixstern bleiben, auch wenn er manchmal im Dunkeln verschwindet.

Das Interview führte Sonja Pohlmann.

Michael Jürgs war von 1986 bis 1990 Chefredakteur des „Stern“. Heute arbeitet er als Publizist und Autor, auch beim Tagesspiegel. Sein neues Buch heißt „Wie geht’s, Deutschland?“.

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