60 Jahre "Tagesschau" : Einzig und etwas artig

Hier lehnt sich niemand aus dem Fenster, rudert keiner zurück. Die „Tagesschau“ wird 60 Jahre alt – und unterscheidet sich weiter auf betörend altmodische Weise von Google News.

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Hochseriös – „Mr. Tagesschau“. Der in den 1970er und 1980er Jahren sehr beliebte Chefsprecher Karl-Heinz Köpcke wirkt auf dem Foto fast wie ein Hollywoodstar. Die älteste bestehende Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen startete am 26. Dezember 1952. Foto: NDR
Hochseriös – „Mr. Tagesschau“. Der in den 1970er und 1980er Jahren sehr beliebte Chefsprecher Karl-Heinz Köpcke wirkt auf dem Foto...Foto: NDR/Annemarie Aldag

Nachrichten sind kein knappes Gut mehr. Sie kommen ständig, auf allen Wegen. Widerstand ist zwecklos. Es gibt keinen Ruheraum. Ab und an kann jeder sein Teesieb in den beschleunigten Strom der Daten halten, um Relevantes herauszufiltern und sich ein Bild von der Welt zu machen. Die „Tagesschau“ der ARD tut das für uns. Sie ist „eine Institution im besten Sinn des Wortes“, wie es Angela Merkel im Glückwunsch zum 60. Geburtstag formulieren ließ, aber sie ist keine Maschine. Produktionsweise und Formgebung unterscheidet sie von den News-Aggregatoren, die uns permanent sagen, was die anderen angeklickt haben. 27 000 Nachrichtenquellen soll Google News auswerten. Der Google-Algorithmus besorgt das Ranking der „Snippets“. Er ist geheim. Wir wissen aber, dass Aktualität und Link-Popularität die wesentlichen Größen sind. Die Logik ist bestechend. Die Bedeutung eines Textes steckt nicht in ihm, sondern wird ihm gegeben – zum Beispiel durch Zitation und Verweise. Das wusste vor Google auch schon Ludwig Wittgenstein. Das Problem dabei lautet: Wichtig ist also vor allem das, was alle wissen wollen. Google ist ein Mainstream-Produzent.

Scrollt man eine Woche lang täglich um 19 Uhr 50 die ersten zwanzig bis fünfundzwanzig Meldungen auf Google News durch und verfolgt anschließend um 20 Uhr die Hauptausgabe der ARD-„Tagesschau“, werden die Unterschiede bewusst. Dabei gibt es auf den ersten Blick sogar viele Gemeinsamkeiten. Ob Bombenalarm in Bonn oder Amoklauf in Newtown – oft stimmen sogar die Hauptmeldungen überein. Natürlich kann man sich mit den Link-Angeboten von Google News, den „Snippets“, die auf Artikel vieler publizistischer Plattformen verweisen, solide informieren. Aber schon diese Verweise wirken willkürlich. In der beobachteten Woche kamen weder tagesschau.de noch heute.de vor, dafür gelegentlich n-tv.de, beim teuren Öko-Strom zum Beispiel, obwohl andere Quellen die gleiche Meldung vorhielten. Auf Reuters (Thema: neuer EZB-Direktor) und AFP (Gauck in Afghanistan; Energiewende belastet ärmere Haushalte) wurde hingewiesen, auf dpa nicht.

Manchmal scheint es, als sei der Google-Algorithmus darauf ausgelegt, die Verleger nur ja nicht zu verprellen, sondern schön gleichmäßig zu erwähnen. Focus Online kommt laufend vor, sehr häufig auch Spiegel Online, dazu immer wieder faz.net, gelegentlich die „NZZ“. Ansonsten wirkt das Top-Ranking recht willkürlich. Zum Amoklauf in Newtown steht SZ Online oben, bei der Razzia in der Deutschen Bank das „Hamburger Abendblatt“. Zu Thyssen-Krupp Welt Online, auf den Wahlkampf in Italien weist stern.de hin, und der ESM-Chef verbreitet seinen Optimismus als Meldung der „Frankfurter Neuen Presse“. Mal kommt die „Berliner Morgenpost“ vor, mal „Die Welt“, mal die „Märkische Allgemeine“, überraschenderweise mit der Hauptmeldung zur Schließung des Opelwerks in Bochum. Ebenso kurios wirkt es, dass ausgerechnet bei der Fußball-Bundesliga am Samstag Zeit Online die Nase vorn hat. Die Auswahl der „Snippets“ und das Ranking sind weder einleuchtend noch durchschaubar. Sicher eine Illusion aber ist, dass die „Riesenmaschine“ Neutralität erzeugt und dies per se eine tolle Sache für die Nachrichtengebung ist.

Bemerkenswert ist, welche Themen im Top-Ranking bei Google News nicht vorkommen, aber den Weg in die „Tagesschau“ finden: das Ende des Tarifkonflikts bei der Lufthansa, die Tarifforderungen von Verdi, Platzeck eröffnet eine Ausstellung an den Seelower Höhen. Selbst das bemerkenswerte Treffen des Palästinenser-Präsidenten Abbas beim Papst drängt Google uns nicht auf. Das könnte auf den ersten Blick daran liegen, dass die „Tagesschau“ sehr offiziell wirkt und artig apportiert, was Institutionen von sich bekannt machen wollen. Tatsächlich verbirgt sich hinter solchen Meldungen Geschichtsbewusstsein, der Verweis auf größere historische Kräfte, die über den Tag hinaus wirksam sind. Google News liebt stattdessen die sensationelle Einzelheit, wie die Verlobung Berlusconis.

Das kommt in der „Tagesschau“ zum Glück nicht vor. Die „Tagesschau“ ist ein mindestens tägliches Angebot einer kenntnisreichen Redaktion, die Welt in zehn bis zwölf Meldungen nach Bedeutung zu sortieren. Natürlich spielt die Fotogenität eines Themas eine Rolle, sein Erregungspotenzial. Durch den Vorrang des Bildes werden entfernte Wahrheiten verborgen. Natürlich gibt es ein nur strohfeuerartiges Interesse an Krisen und Kriegen. Natürlich gibt es eitle Reporter, die am Ende eines Beitrags durch ihren „Aufsager“ bezeugen wollen, dass sie vor Ort waren. Die „Tagesschau“ ist insgesamt eher ein Mitteilungsblatt als ein Medium der Selbstreflexion der Gesellschaft, aber sie ist durchdacht und darum deutlich besser als alle Maschinerie. Sie lädt ein zum Innehalten. Sie berichtet nicht nur über das, was nah ist oder nah geht. Sie ist eine Oase in einer Fernsehwüste, in der ein gleichmacherischer Zwang herrscht, alles den universellen Kriterien der TV-Unterhaltung zu unterwerfen.

Dazu gehört die unmoderne, ja widerspenstige Gestaltung. Ein Vorleser spricht zu uns, der sich keineswegs mit einem „lockeren“ Jargon mit uns gemein macht. Oft wirkt die Sprache bürokratisch. Tatsächlich ist sie meist sehr präzise. In keiner Meldung „lehnt sich ein Politiker aus dem Fenster“ und „rudert dann zurück“. Dass eine moderierte Sendung demgegenüber kein Gewinn sein muss, beweist „heute“ im ZDF. Die Moderatoren erklären uns die Welt, als hätte sich vorm Bildschirm eine Schar Zehnjähriger versammelt. Dass Sätze wie „Deutsche Frauen wollen immer weniger Kinder“ (Matthias Fornoff in „heute“ am 17.12.) falsch sind, merken sie nicht einmal. Am Ende schmunzeln sie über Bilder der Royals, Bären in Garagen oder andere Tierbilder, wie sie auf Youtube bestaunt werden. Ohne Not wird hier jede Alleinstellung aufgegeben, reiht man sich ein in den großen Fluss der Beliebigkeit.

Das macht die „Tagesschau“ zum Glück nicht mit. Sie ist spröde, aber besonders. Längst ist vergessen, das sie vor 60 Jahren ganz schön boulevardesk begonnen hat: mit Schiffstaufen und Modenschauen. Jetzt wirkt sie wie ein Bollwerk des Nachrichten-Purismus. Das Gewand kann sie ändern, die Substanz bitte nicht. Wenn schon Nachrichten, dann auch richtige. Noch beherzigt das die „Tagesschau“. Manchmal ist es ein Plus, wenn eine Institution sehr unbeweglich ist.

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