Medien : Aale in den Rhein geworfen

Die „Harald Schmidt Show“ macht einen langen Betriebsausflug – und Sat 1 überträgt

Tom Peuckert

Nachmittags um vier legt das Schiff in Bingen ab. Die Fahrt geht Richtung Boppard, den Mittelrhein hinunter, vier Fernsehstunden später will man am Ziel sein. Das Schiff heißt „Loreley", ein regulärer Ausflugsdampfer, aber auf dem Vorderdeck steht diesmal Harald Schmidts Schreibtisch. Eine Version in hellem Holz, mit Weinlaub umkränzt. Über dem Rhein scheint unbarmherzig die Sonne. Es ist hell, sehr hell. Nirgendwo das samtige Dunkelrot und die langen Schatten, wie sie eigentlich zu seiner Latenight-Show in Sat 1 gehören. Ist es vielleicht doch viel zu hell? Hat sich der Entertainer in Zeit und Ort geirrt? Lässt sich die nächtliche Surrealität seiner Shows, das intellektuell-infantile Klima im Studio wirklich in die biedere rheinische Vergnügungswelt verpflanzen? Unter diese grelle Spätsommersonne? Man sorgt sich einen Moment, wie er da händereibend vor den hölzernen Sitzreihen des Dampfers steht und vier lange Sendestunden vor sich hat.

Aber Schmidt ist einer, der die Risiken des Betriebs nicht verdrängt oder überspielt, sondern sie sofort zum Gegenstand der Kommunikation macht. Die Sache ist absurd und nach den Gesetzen der Spannungsdramaturgie eigentlich unmöglich. Genau das könnte hier das Vergnügen sein. Die Pointen zünden nur schwerfällig. Darauf muss man immer wieder anspielen. So kapert Schmidt langsam den Dampfer. Er wird locker und träge, kichert in sich hinein, tigert entspannt von Backbord nach Steuerbord. Nach einer halben Stunde ist es eigentlich wie immer.

Ganz nah am Nullpunkt der Ereignisse. Autistisch, albern, und trotzdem so wunderbar amüsant. „Gut, dass uns keiner sieht“, sagt Schmidt, als ein Scherz mal nicht so gut funktioniert. Das bringt die Sache auf den Punkt. Für sein Doppelspiel aus treuer Pflichterfüllung und ironischer Verachtung aller Betriebspflichten ist Schmidt berühmt geworden. Niemand nennt ihn deshalb einen Lügner, weil er immer wieder glaubhaft andeutet, dass auch sein medialer Ruhm im Grunde eine etwas lächerliche Angelegenheit ist.

Die „Harald Schmidt Show“ macht einen langen Betriebsausflug. Auf Vater Rhein, wie es immer wieder heißt. Wer glaubt, dass deshalb nun alte deutsche Mythen für eine Pointenschlacht herhalten müssen, sieht sich getäuscht. Lieber lässt Schmidt seine Assistentin Wasserski fahren und plaudert via Megafon mit dem Publikum am Ufer. Am Himmel kreist ein sendereigener Hubschrauber, das gibt schöne Panoramaaufnahmen. Niemand will hier urdeutscher Romantik oder zeitgenössischem Rhein-Kult am Zeug flicken. Die Schmidt- Show ist ein Produkt der Post-Postmoderne. Sie gehört zu einer Epoche nach der Geschichte und nach der Politik.

Der Rhein ist eine attraktive Kulisse für den dezenten Autismus des Entertainers. Falls das intellektuelle Publikum sich noch was anderes dabei denkt, hat es ein schönes Privatvergnügen.

Schmidt hat ein paar Comedy-Stars seines Senders mit an Bord. Sie spielen gemeinsam Szenen aus den „Traumschiff-Drehbüchern", singen Shantys, stellen Paparazzi-Fotos nach. Scharf bewacht von Bodyguards geht Schmidt in Sankt Goar an Land und schüttelt Touristenhände. Eine örtliche Kapelle spielt Marschmusik für ihn, da kommt das reale Amüsement dieser Region kurz in den Blick.

Schmidts Dampferpartie wirkt hier wohl eher wie eine Invasion der Außerirdischen.

Am Ende ist es ganz dunkel geworden. Der Entertainer hat ein paar Aale in den Rhein geworfen und kohlensäurefreies Mineralwasser ausgegegossen, zwecks Hebung des prekären Wasserstandes. Jetzt schrubbt er den Schiffsboden mit einer kleinen Wurzelbürste, als Buße für seine mediale Hybris. Das ist ein schöner Gag und zugleich nichts als die nackte Wahrheit.

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