Medien : Ab nach Sibirien!

„Sternflüstern“ im ZDF: Das etwas andere Reality-TV

Simone Schellhammer

Es geht weder ums große Geld noch um eklige Mutproben, dennoch bewarben sich rund 300 Familien, als das ZDF im Frühjahr 2003 mit dem „herben Reiz und der tiefen Seele“ Sibiriens warb: Fünf Monate lang sollten sie in einem Dorf am Baikalsee als Selbstversorger leben und sich dabei filmen lassen. Die Wahl fiel auf Kerstin und René Klapproth aus dem Ostharz mit Tochter Jenny (12) und zwei Hunden. Die andere Familie sind die Möchels aus Oberfranken mit ihren vier Töchtern im Alter von vier bis elf Jahren und einem Hund, die für einige Zeit dem Konsumdruck in Deutschland entfliehen wollten. Jede Person durfte 20 Kilo Gepäck mitnehmen. Anfang September 2003 kam die Gruppe im 1200-Einwohner-Dorf Chuschir auf der Insel Olchon im Baikalsee an.

Die Familien, die nicht speziell auf diese Art Ferien vorbereitet wurden, bezogen jede bei sommerlichem Wetter ein kleines Holzhaus ohne Zentralheizung und fließend Wasser, mit Plumpsklo, Kuh, Kalb, Hühnern und Schafen, dazu gab es ein Haushaltsgeld von 170 beziehtungsweise 85 Euro im Monat. Unterstützung erhielten sie von ihren neuen Nachbarn, die ihnen auch zeigten, wie man eine Kuh melkt und unfallfrei Holz hackt. Eine Anwohnerin war voller Mitleid: „Was, Sie waschen mit der Hand? Wir haben doch einen Waschautomaten! Den können Sie benutzen.“ René Klapproth, der eher an einen Überlebenskampf in der Wildnis gedacht hatte, ist etwas enttäuscht: „Jetzt sitzen wir mitten in einem Dorf, haben Strom und einen Ofen. Abends gehen wir nicht mehr auf die Straße, weil alle betrunken sind. Wo bleibt da das Überleben?“, fragt er. Eine weitere Überraschung für die Sibirien-Probanden: In dem Geschäft am Ort gibt es von Bananen bis zum Mars-Riegel fast alles zu kaufen. Dennoch leben sie aus Geldknappheit meist nur von Kartoffeln, Kohl und Nudeln.

Auch wenn der Mythos Sibirien immer wieder beschworen wird, bleibt das große Abenteuer in dieser „Erlebnis-Dokumentation“ doch aus. Selbst die Kälte ist nicht so eisenhart, dass es zum „Sternflüstern“ kommt. Das bedeutet, dass der Atem zu einer Wolke feinster Eiskristalle gefriert. In Chuschir kennt den Ausdruck niemand.

Als Vorbild für „Sternflüstern“ gilt der Erfolg der ARD-Reihe „Schwarzwaldhaus 1902“, bei der eine Berliner Familie unter historischen Bedingungen auf einem Bauernhof lebte. Auch wenn die vierteilige ZDF-Reihe vielleicht nicht so viel Quote einbringen wird wie erhofft, ist die Mischung aus klassischer Korrespondenten-Dokumentation, beeindruckender Landschaftsreportage und amüsanter Langzeitbeobachtung durchaus sehenswert.

„Sternflüstern: Das Sibirien-Abenteuer“, viermal dienstags um 20 Uhr 15, ZDF

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