Abbau, Raubbau, Neubau : WAZ: Abnehmen mit Essen

Fast 300 Redakteursstellen gibt es künftig weniger bei den WAZ-Zeitungen: Was verloren wurde, was gewonnen wird.

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Frühjahr 2009: Der Letzte macht das Licht aus. Der Letzte, das ist Wilfried Gundel, 57 Jahre alt, davon 35 Jahre Lokalredakteur der „Westfälischen Rundschau“ in Meschede, einer gut 30 000 Einwohner zählenden Kleinstadt im Hochsauerlandkreis. „Abwicklungsbeauftragter“ und „Nachlassverwalter“ nennt sich Gundel scherz- und schmerzhaft. Die Redaktionsräume sind verlassen, vor kurzem hat die Lokalredaktion die letzten Seiten produziert. Nun sitzt Gundel allein zwischen Kartons und Ordnern, sichtet alte Foto-Abzüge, sortiert aus und ist nicht sehr gut auf die Zentrale im 75 Kilometer entfernten Dortmund zu sprechen: „Die Besuche aus der Chefredaktion konnte man an einer Hand abzählen.“

Gundels Stimmung schwankt zwischen Nostalgie und Ärger. „Mit einer Träne im Knopfloch“ hat er seine Berufskarriere bei der „Westfälischen Rundschau“ vorzeitig beendet. Dann erzählt er, was altgediente Lokalredakteure so erzählen: Wie er früher noch durch die Ortsteile gefahren ist und die Nachrichten am Aushang der Kirchengemeinden gesammelt hat. Wie er vor fünf Jahren mit dem Überstundenzählen aufgehört hat, beim Stand von 1780 Stunden. Wie er als für die Lokalpolitik zuständiger Redakteur im ländlich-konservativen Sauerland schon mal – halb ernst, halb freundschaftlich – als „rote Sau“ tituliert wurde. Aber im Kreistag habe ihn der Landrat dann persönlich verabschiedet, sagt Gundel stolz.

Im Zuge eines umfassenden Sparplans der WAZ Mediengruppe bei allen vier Zeitungstiteln in Nordrhein-Westfalen war auch die fünfköpfige „Rundschau“-Redaktion in Meschede zum März 2009 aufgegeben worden. Das Blatt erscheint dort weiter, allerdings mit dem Lokalteil der „Westfalenpost“ (WP), dem Konkurrenzblatt aus dem eigenen Konzern. Mitgeteilt wurde das den „Rundschau“-Lesern damals nicht. „Viele Leute merken das noch gar nicht“, sagt Gundel. Zufällig ruft kurz darauf eine irritierte Leserin an: „Die Redaktion gibt’s nicht mehr“, klärt Gundel sie am Telefon auf. Ein paar Tage noch wühlt er sich durch die Schränke, sichert in Absprache mit der Chefredaktion die alten Bestände aus dem Foto-Archiv, weil sie sonst im Müllcontainer landen würden, und begegnet dabei all den alten Geschichten aus einem langen Berufsleben. „Das tut dann doch weh.“

Mit dem Plan, ein Drittel aller Redakteursstellen bei den vier Tageszeitungen „Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ)“, „Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung (NRZ)“, „WR“ und „WP“ zu streichen, hatte die WAZ-Mediengruppe für Aufruhr im eigenen Haus und Aufsehen in der Öffentlichkeit gesorgt. Die Bilanz heute: 298 Stellen von 891 sind gestrichen, wobei ein Teil der Redakteurinnen und Redakteure erst im Lauf der nächsten Monate ihren Arbeitsplatz räumen werden. Niemandem wurde gekündigt, für Abfindungen und Altersteilzeitregelungen gibt der Konzern 30 Millionen Euro aus. „Für den Sozialplan haben die richtig Geld in die Hand genommen. Da haben sie sich nicht lumpen lassen“, sagt Jutta Klebohn von der Gewerkschaft Verdi anerkennend. „Das Problem ist: Die festen Arbeitsplätze sind weg.“

Jährlich will der Konzern dadurch 30 Millionen einsparen, dennoch haben alle vier Zeitungen 2009 noch rote Zahlen geschrieben, wie Geschäftsführer Christian Nienhaus dem Branchenblatt „Werben & Verkaufen“ sagte. Aufgrund der wachsenden Verluste seien die Einsparungen unumgänglich, hieß es, als die Geschäftsführung die Maßnahmen Ende 2008 angekündigt hatte. Der weitergehende Vorschlag der Unternehmensberatung Schickler, die „Westfälische Rundschau“ komplett zu schließen, war immerhin gekippt worden. Gewerkschaften und Betriebsräte warfen dem Management jahrelange Versäumnisse vor. Dass der Konzern zugleich in osteuropäische Märkte investiert hatte und sich bis vor kurzem gemeinsam mit Springer in einem von Stefan Aust geplanten teuren Magazin-Projekt engagieren wollte, wunderte und ärgerte viele Beschäftigte zusätzlich. Betroffen sind bei weitem nicht nur die Journalisten. In Anzeigenabteilung, Geschäftsstellen und Verwaltung sollen noch einmal mehr als 300 Stellen abgebaut werden.

Publizistisch betrachtet, wurde vor allem im Lokalen weiter ausgedünnt: Von den Standorten Soest und Werl hat sich der Konzern mit der Schließung der jeweiligen Redaktionen der „Westfalenpost“ komplett zurückgezogen. Die „Westfälische Rundschau“ gab drei Redaktionen auf (Meschede, Bad Berleburg, Warstein) und übernimmt dort die Lokalseiten der „WP“. Umgekehrt verzichtete die „WP“ auf die Redaktionen in Wetter und Siegen und legt dort den „WR“-Lokalteil bei. Hier ist der Verlust an Meinungsvielfalt offensichtlich, denn die konservative Heimatzeitung „WP“ und das linksliberale Ruhrgebiets-Blatt „WR“ stehen für unterschiedliche Richtungen. Als die Pläne bekannt wurden, hagelte es Protestschreiben. Auch Pfarrer Bernd Becker, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Hagen, schrieb damals, er befürchte „irreparable Schäden in der publizistischen Landschaft“. Heute, nach der Schließung der „WP“-Redaktion in Wetter, sagt er, es gebe nun weniger Journalisten bei Pressegesprächen, weniger Fragen, weniger aufgeworfene Aspekte. Die Vielfalt sei eingeschränkt, das sei aus gesellschaftlicher Sicht bedauerlich.

Mit dem Sparplan hat es die WAZ-Mediengruppe grundsätzlich aufgegeben, sich an einem Standort mit zwei Vollredaktionen selbst Konkurrenz zu machen. Wo noch zwei Redaktionen bestehen, greift deshalb das „Branding“-Modell: Das Blatt mit der kleineren Auflage darf mit reduziertem Redaktionspersonal auf die Texte des Schwester-Titels zugreifen und, ergänzt durch eigene Geschichten, eine eigene Lokal-Ausgabe produzieren. Außerdem wurden regionale Desks eingerichtet, die den einzelnen Lokalredaktionen Produktionsaufgaben abnehmen. „Alle stöhnen über Mehrbelastung“, sagt Jutta Klebon. Aber mancher Redakteur erklärt auch, dass beim „Branding“ nicht unbedingt das schlechtere Blatt entstehe, weil die herausgepickten Rosinen mit eigenen Themen und Schwerpunkten ergänzt würden. „Wir haben Meinungsvielfalt“, betont „NRZ“-Chefredakteur Rüdiger Oppers. „Die ,NRZ’ in Duisburg, hören wir von den Parteien, sei noch linker geworden als sie vor dem Branding war. Auch in Mülheim und Oberhausen machen wir eine politisch andere Zeitung als die ,WAZ’.“

Im gesamten Verbreitungsgebiet beschleunigte sich der Abo-Verlust der vier WAZ-Titel: Von Anfang 2008 bis 2009 waren es 26 000 Abos weniger, im Jahr darauf 36 000 weniger. Die Druckauflage rutschte im ersten Quartal 2010 auf unter 900 000 Exemplare. Berechnet man mit ein, dass zwei Standorte aufgegeben wurden, ist der Verlust weniger signifikant. „Dass Abozahlen sinken, hat mit der strukturellen Entwicklung hier gar nichts zu tun“, erklärt Oppers und vermutet gar die Schuld bei anderen: „Es kann aber sein, dass durch die polemische Berichterstattung gegen den Verlag, und die Behauptung, die WAZ-Zeitungen würden nur noch Einheitsbrei liefern, ein negativer Effekt im Verbreitungsgebiet entstanden ist.“ In der Essener Zentrale ist man, das steht fest, dünnhäutiger geworden.

Ohne Zweifel tauchen nun häufiger als zuvor identische Geschichten und dieselben Autoren in mehreren Blättern der WAZ-Gruppe auf. Denn für die überregionalen Seiten der Blätter (außer „WP“) wurde in Essen eine gemeinsame Mantelredaktion gegründet. Der gut 80-köpfige „Content Desk“ liefert zu, die verbliebenen kleineren Redaktionen in den einzelnen Zeitungen entscheiden, welche Themen-Angebote sie übernehmen, kommentieren gegebenenfalls selbst und gestalten die jeweiligen Blätter weiterhin eigenständig. Oppers verweist darauf, dass die „NRZ“ durch den Content Desk eine größere Bandbreite redaktioneller Kapazitäten nutzen könne. „Vieles ist sogar besser geworden, zum Beispiel in der politischen Berichterstattung“, sagt er. Die fünf Korrespondenten der WAZ-Titel in Berlin hatten zwar schon vorher ein gemeinsames Büro, „aber die Türen waren zu. Wenn unser Korrespondent mit Frau Merkel unterwegs war, hatte ich keinen Mann mehr in Berlin.“ Nun würden die Kollegen stärker zusammenarbeiten.

Wilfried Gundel im fernen Meschede, mittlerweile 58, muss das nicht mehr jucken. Seit Januar 2010 ist er arbeitslos, Altersteilzeit und eine Versetzung an eine andere Stelle hatte er abgelehnt. Vorerst ist das dank Arbeitslosengeld und WAZ-Abfindung („Die waren sehr großzügig.“) kein Problem. Außerdem schreibt er wieder: Für ein Anzeigenblatt verfasst er wöchentlich eine Glosse übers lokale Geschehen, auch Festschriften für Firmenjubiläen hat er schon produziert. Das Angebot, freiberuflich für die Lokalredaktion der „Westfalenpost“ zu arbeiten, hat er abgelehnt. Die alten Foto-Negative aus der „Rundschau“-Zeit, die bis in die fünfziger Jahre zurückreichen, lagern nun bei ihm in einem trockenen, dunklen Raum. Dass niemand im WAZ-Konzern das Archiv haben wollte, „zeigt das Interesse“, sagt er. Aber ein Historiker würde sich dafür interessieren. Vielleicht kommt mal eine Ausstellung zustande.

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