Medien : Abenteuer Essen

Der TV-Koch Stefan Gates probiert in „Kochen am Krisenherd“ für den WDR, was der Speisezettel in China, Afghanistan, Tschernobyl und Indien hergibt

Thomas Gehringer

Wie wäre es mit Hammelhoden-Kebap aus Kabul, lebend aufgespießten und in heißem Öl gebratenen Skorpionen aus Peking? Oder wenigstens hausgemachtem Borschtsch aus der Sperrzone rund um Tschernobyl? Der BBC-Koch und Buchautor Stefan Gates bezeichnet sich treffend als „ziemlich abenteuerlustig“, denn er hat all diese Gerichte gegessen und zum Teil sogar selbst zubereitet. Das WDR-Fernsehen zeigt in vier halbstündigen Folgen, wie Gates seine Nase in Kochtöpfe in China, Afghanistan, dem ukrainischen Tschernobyl und Indien steckt. Gates sucht Luxus-Restaurants ebenso auf wie Märkte und die privaten Küchen der Einheimischen. Tapfer testet er, was der exotische Speiseplan hergibt, und so führt ihn seine Neugier auf fremde Esskulturen mitten hinein in den Alltag der jeweiligen Länder – der Koch als Reporter.

Dennoch ist der deutsche Titel „Kochen am Krisenherd“ („Cooking in the Danger Zone“ im Original) eher eine missglückte Metapher. Zumal sich China schwerlich als Krisenherd bezeichnen lässt. Der 39-jährige Stefan Gates, der seine kulinarische Abenteuerlust in der BBC-Kochshow „Full on Food“ auslebte und der auf dem deutschen Buchmarkt mit „Der Gastronaut“ vertreten ist, versucht sich in der Auftaktfolge als Küchenhilfe in einem Pekinger Fast-Food-Restaurant, besucht eine Teigtaschen-Fabrik und ein parteigeführtes Musterdorf. Mit britischem Humor nimmt er die nicht immer geglückten Versuche seiner offiziellen Begleiter hin, nur ein glanzvolles China zu präsentieren. Er probiert Alltagsküche – gedünstete Blumen in Maismehl – und ein Mahl aus besonders erlesenen Delikatessen: Penisse von Yak, Wasserbüffel und Hund. Eine Chinesin erläutert, da das Land früher sehr arm gewesen sei, werde in der chinesischen Küche eben nichts weggeworfen.

Bisweilen haarsträubend sind seine Reiseberichte aus Afghanistan (8. August) und Tschernobyl (15. August). Die Gegensätze in Kabul sind enorm: Gates blickt hinter die Kulisse eines Fünf- Sterne-Hotels, gönnt sich aber auch einen Imbiss auf der Straße – inmitten von Ruinen und Müll. In Masar-i-Scharif im Norden Afghanistans lässt er sich vom örtlichen Befehlshaber, einem ehemaligen Taliban, an einen reich gedeckten Tisch bitten. Bei der US-Armee gibt es dagegen Wunder-Essen aus dem Plastikbeutel: Wenn man kaltes Wasser hineinkippt, erhitzt es sich von selbst.

Nur an einem Ort wäre Stefan Gates beinahe schwach geworden und hätte keine Speisen zu sich genommen: in der 30-Kilometer-Sperrzone rund um den Unglücksreaktor von Tschernobyl in der Ukraine. Hier knattert unentwegt der Geigerzähler. Erst ein sehr energisches Großmütterchen, das wie Hunderte andere auch trotz des gesundheitlichen Risikos in ihr Haus zurückgekehrt ist, kann den britischen Gast mit ihrer resoluten Gastfreundschaft umstimmen. Es gibt Eintopf und Pflaumenschnaps, alles zubereitet aus Zutaten des eigenen Gartens, garantiert radioaktiv verseucht. Aber die mit der Stilllegung des Reaktors beschäftigten Liquidatoren glauben ja ohnehin, dass Wodka die Strahlung aus dem Körper schwemmt.

„Kochen am Krisenherd“ in vier Teilen, WDR, mittwochs, 22 Uhr

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