Medien : Abschied ist ein scharfes Schwert

Ein letztes Mal „Melodien für Millionen“: Dieter Thomas Heck beendet seine TV-Showkarriere

Rainer Moritz

Würden Sie diesem Menschen einen Gebrauchtwagen abkaufen? So lautet in Deutschland die Standardfrage, wenn es darum geht, Seriosität und Glaubwürdigkeit zu messen. Fast immer rangieren Günther Jauch, Joachim Löw oder Elke Heidenreich auf den vorderen Umfrageplätzen, während Autointeressierte Zweifel hegen, ob sie sich beim Golf- oder Astra-Kauf Oskar Lafontaine, Karsten Speck oder Jan Ullrich anvertrauen möchten. Einer aus der Prominentenriege darf es sich zugutehalten, nicht nur hypothetisch mit Gebraucht-, ja sogar mit Neuwagen gehandelt zu haben, und schmerzhaft ist es zu sehen, wie das ZDF keine Hemmungen zeigt, sich von dieser vertrauenerweckenden Galionsfigur zu trennen. Denn heute Abend wird Dieter Thomas Heck mit der 42. Ausgabe von „Melodien für Millionen“ aus Erfurt zum letzten Mal für das ZDF eine Fernsehgala präsentieren und damit seine Showkarriere beenden.

Vier Jahre lang, von 1957 bis 1961, hatte Dieter Thomas Heck seine frühen Brötchen damit verdient, in Hamburg herrliche Borgward-Automobile zu verkaufen. Damals, als Fred Bertelmann den „Lachenden Vagabunden“ intonierte, Ivo Robic mit balkanisch grundierter Stimme „Morgen“ sang und Vico Torriani mit „Kalkutta liegt am Ganges“ Geografienachhilfe gab. Vermutlich waren es diese – im Autoradio gehörten – Hits, die den 1937 in Flensburg (als Carl Dieter Heckscher) geborenen jungen Mann anregten, das Interieur einer Borgward-Niederlassung gegen das einer Rundfunkstation einzutauschen. Er nahm Platten auf (zuerst 1959 das lautmalerisch vielversprechende „Hippe Di Hop, mein Mädchen“) und moderierte alsbald für den Südwestfunk und Radio Luxemburg, ehe er, nach einer Umfrage inzwischen um den zweiten Vornamen „Thomas“ bereichert, zur Europawelle Saar wechselte.

Wiewohl Dieter Thomas Heck sich nie davon abbringen ließ, seine überschaubaren Gesangstalente zu demonstrieren und sogar bei einem Vorentscheid zum Grand Prix Eurovision de la Chanson auftrat, brachte er es mit dieser Semibegabung nie zu Charterfolgen. Die Ergebnisse sind neuerdings sogar unter der Überschrift „Die Zeit ist reif für eine CD mit seinen Meisterwerken“ auf dem Bear-Family-Sampler „Lass die Leute reden“ nachzuhören. Hecks Mission bestand darin, andere Sänger effektvoll zu präsentieren. 1969 gab ihm das ZDF dafür die ideale Bühne, die ZDF-Hitparade, die Heck in unermüdlicher Liebe zum deutschen Schlager satte 183-mal moderierte.

Hecks sonnabendliche Sprachkanonaden fielen in die letzte Glanzphase des bald vom angloamerikanischen Pop an die Seite gedrängten deutschen Liedguts. Interpreten wie Chris Roberts, Lena Valaitis, Jürgen Marcus, Mary Roos, Heino, Tony Marshall oder Howard Carpendale bevölkerten die Heck’sche Wettsingarena – eine Sendung, die eine Generation prägte, wiewohl eingeschworene Rolling-Stones- oder Slade-Anhänger ungern zugaben, den Discobesuch am Samstag mit der „verbrecherischen Volksverdummung“ (Peter Rühmkorf) des Schlagers einzuläuten.

Dieter Thomas Heck verstand es früh, sich das wichtigste Markenzeichen für dauerhaften TV-(Nach-)Ruhm anzueignen: Unverwechselbarkeit. Mit schneidend-dröhnender Stimme jagte er mit Höchstgeschwindigkeit von Nummer zu Nummer, und wenn er zum legendären „Schnelldurchlauf“ ansetzte, die Beteiligten herunterrasselte und schließlich seinen Heimatsender Z-D-F so aussprach, dass dieser – das waren Zeiten – als jugendbewegte Fernsehstation erschien, dann wurden daraus legendäre Momente, die ein in jenen Tagen groß gewordenes Kind nie vergessen wird. Hoffnung spendete Heck damals auch denjenigen, die sich in Bekleidungsfragen unsicher fühlten. Geschmacksarme Jacketts, eigenwillige Krawattenfarbtöne, zeittypische Haartrachten und in der Regel sturzhässliche Brillen machten Heck optisch sofort wiedererkennbar und signalisierten seinen treuen Zuschauern, dass kein Outfit à la Julio Iglesias erforderlich ist, um dauerhaft Sendeplatz zu beanspruchen.

Als Anfang der 1980er Jahre die Ralph-Siegel- und Jack-White-Produktionsstätten Absatzprobleme bekamen, erkannte Heck rasch, dass seine Zeit bei der ZDF-Hitparade abgelaufen war. Seine heimattreue Bühne fremdländischen Gesängen zur Verfügung zu stellen oder sich ständig mit den Schlagerparodien der „Neuen Deutschen Welle“ herumzuplagen, war dem Fröhlichkeitsbeschwörer nicht zuzumuten, und so wechselte er recht problemlos ins ältere Fach. Ob als Quizmoderator („Die Pyramide“), als Sportstudio-Intermezzo, als Schauspieler in Vorabendserien („Praxis Bülowbogen“) oder als Präsentator großer Musik- und Benefizgalas („Das große Los“, „Melodien für Millionen“) – Heck entwickelte sich zum idealen ZDF-Repräsentanten. Er wurde älter, sein Publikum, das sich in seiner Verzweiflung scharenweise der Volksmusik zuwandte, tat es ihm gleich – eine Kombination, die dem immer betulicher werdenden Mainzer Sender zupasskam.

Zum Sympathieträger wie Hans Rosenthal oder Peter Frankenfeld brachte es Dieter Thomas Heck nie. Ungeachtet seines Engagements für wohltätige Einrichtungen mangelte es ihm dafür an Charisma und Originalität, und mit seinen gern zum Besten gegebenen konservativen, mitunter stramm nationalen Äußerungen zu Gott und der Welt mochte er bei seinem in Ehren ergrauten Stammpublikum punkten, andernorts jedoch kaum. Dennoch zeichnete den Conférencier Heck ein hohes Maß an Professionalität aus. Seine gelegentlich in die Gefühligkeit abgleitenden Moderationen strahlten eine Sicherheit aus, die wenige seiner nachrückenden Kollegen besaßen und besitzen. Ein Abend mit Dieter Thomas Heck, da konnte nichts schiefgehen, und da ging selten etwas schief.

Dass der Abschied ein scharfes Schwert ist, weiß der Roger-Whittaker-Kenner Heck. Wenn er nun, vielleicht nicht ganz freiwillig, kurz vor seinem 70. Geburtstag leise Servus sagt und in Erfurt zum letzten Mal die „Melodien für Millionen“ moderieren wird, so bleibt seiner Gemeinde die Hoffnung, die ZDF-Ikone möglichst oft als Schauspieler wiederzusehen. Wie seine Agentur bereits verraten hat, wird er unter anderem für die ZDF-Reihe „Die Rosenheim-Cops“ drehen.

„Melodien für Millionen – Musikalische Erinnerungen unserer Zuschauer“, ZDF, 20 Uhr 15

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