Abschied vom Leipziger "Tatort" : Sie küssten und sie schlugen ihn

Martin Wuttke bekommt zum „Tatort“-Abschied eine One-Man-Show und liefert eine Art Gottesbeweis. Vielleicht war doch nicht alles so schlecht in Leipzig.

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Leipziger „Tatort“, letzte Klappe. Vielleicht musste es diese 21. Ausgabe mit den Ermittlern Keppler (Martin Wuttke) und Saalfeld (Simone Thomalla) sein, damit’s gut wird.
Leipziger „Tatort“, letzte Klappe. Vielleicht musste es diese 21. Ausgabe mit den Ermittlern Keppler (Martin Wuttke) und Saalfeld...Foto: MDR

Oh je, jetzt ist Kommissar Keppler am Ende seiner sieben Dienstjahre an der Seite von Eva Saalfeld bei den Philosophen angekommen. Zuhause die Waschmaschine kaputt, Wohnung überflutet, mit nassen Klamotten ins Polizeipräsidium, kein Kaffee da, viel Hektik auf dem Revier, ein Kind ist entführt worden, und Keppler spricht seelenruhig in die Kamera: Nihil fit sine causa, nichts geschieht ohne Grund. Besser gesagt, Martin Wuttke spricht das in die Kamera. Der weise, manchmal griesgrämige, tollkühne Wuttke, den man von der Berliner Volksbühne kennt, und der so als Hauptkommissar Keppler auch im Fernsehen beim Leipziger „Tatort“ immer mitzudenken war.

Leipziger „Tatort“, die letzte Klappe also. Vielleicht musste es diese 21., die Abschieds-Folge mit Keppler & Saalfeld sein, damit es gut wurde. „Niedere Instinkte“ ist einer der besseren MDR-„Tatorte“, vielleicht sogar der beste, auch wenn sich dieser Krimi bis zum Ende nicht entscheiden kann, ob er wirklich ernst zu nehmen ist. Die Frage, die sich Autoren, Kritikern und Zuschauern stellt, war doch: Werden wir die Leipziger „Tatort“-Kommissare bald vermissen, oder froh sein, dass sie endlich weg sind? Zu den bei den Zuschauern beliebtesten Ermittlern gehörten Saalfeld und Keppler nie. Ihre durchschnittliche Zuschauerzahl lag mit acht, neun Millionen im Mittelfeld der „Tatort“-Kommissare.

Das in Mode gekommene Simone-Thomalla-Bashing

Ja, die netten Teams aus Köln (Dietmar Bär, Klaus J. Behrendt), aus München (Miro Nemec, Udo Wachtveitl) oder Ludwigshafen (Ulrike Folkerts, Andreas Hoppe), die kühle Schöne aus Hannover (Maria Furtwängler) oder der Last-Man-Standing-Cop in Hamburg (Til Schweiger), die haben alle ihre Fans und Fürsprecher, aber das Tandem in Leipzig, nein. Zu undurchsichtig der Andreas Keppler, dieser introvertierte Denker, Ungebundene, große Schweiger und Ex-Alki, zu plan daneben die Eva Saalfeld. Dazu das in Mode gekommene Simone-Thomalla-Bashing und überhaupt, es war kaum nachvollziehbar, warum Keppler und Saalfeld jemals verheiratet waren. Die Ehe war in die Brüche gegangen, als die beiden ihr gemeinsames Kind verloren hatten.

Trotzdem oder gerade deswegen – zum großen „Tatort“-Finale hat der preisgekrönte Drehbuchautor Sascha Arango vieles auf die Spitze getrieben: die Vorgeschichte der beiden Kommissare, ihre unmögliche Liebe, die Trauer über ihr ehemals verlorenes Kind, ihre Abseitigkeiten bis hin zu Kepplers philosophischer Neigung, der obsessive Eifer, mit dem sich die beiden Ermittler nun an die Klärung einer Kindesentführung machen, die man so oder so ähnlich schon in diversen Krimis gesehen hat.

Die achtjährige Magdalena Harries (Martha Keils), Kind von christlichen Sektierern, verschwindet in einem schäbigen Fußgänger-Tunnel, der zu ihrem täglichen Schulweg gehört. Die tief religiösen Eltern bleiben zunächst ziemlich gelassen. „Meine Tochter kommt zurück, es ist alles Gottes Wille, sie lebt“, sagt Mutter Judith zu Eva Saalfeld.

Mit geheimen Versteck im Keller

Es ist kein klassischer Whodunit-Krimi. Autor Arango lässt die Katze sehr früh aus dem Sack. Anders als die Polizisten weiß der Zuschauer von Anfang an Bescheid: Wer das Mädchen entführt hat, und wo es sich die ganze Zeit befindet. Bei einem bürgerlichem Paar (grandios: Susanne Wolf und Jens Albinus) in der Nachbarschaft mit krankhaftem Kinderwunsch, aber ohne eigenen Kinder, dafür mit geheimen Versteck im Keller, wo sich die Entführer dem Nachbarskind hinter einer Latex-Maske zeigen und versuchen, heile Familie zu spielen. Bis die Maske fällt, sie sich unfreiwillig enttarnen, ihre Pläne ändern müssen und dabei selber in Gefahr geraten.

Das ist starker Tobak, aber nicht unbedingt spannend, trotz bemerkenswerter Regie-Einfälle (Claudia Garde). Es wimmert, es fiept, es verzerrt, es gibt Flashbacks, Traumsequenzen, wie man es sonst nur von Dominik Graf kennt. Der MDR lässt es noch mal richtig modern krachen zum Abschied seiner „Tatorts“ aus Leipzig. Schön. Wenn das dann demnächst in Dresden so flott weiter geht…

Zurück zum eigentlichen Helden dieses Stückes, der One-Man-Show des Martin Wuttke. Nichts Anderes ist dieser „Tatort“. Wuttke spricht direkt in der Kamera, was er vom bunten Krimi-Treiben hält, wie Kevin Spacey in „House of Cards“, Wuttke friert, schwitzt, wird in seiner Wohnung durchnässt, schlägt, wird geschlagen, von seiner Ex-Frau vor die Tür gesetzt, von der schönen Nachbarin aufgenommen und hinterher wüst beschimpft, wunderlich wie einst auf Frank Castorfs Volksbühne. Wuttke hat Gesichte, Tagträume, tritt in Hundescheiße, schläft danach ein in der Kirche, erscheint den verzweifelten Eltern, den „Betbrüdern“, einmal mittendrin als Messias, Wuttke spricht sogar mit Gott – mit Gott, gerade Keppler, „der Heide“, staunt Saalfeld.

So liefert der letzte Krimi mit dem viel gescholtenen Ermittler-Team Martin Wuttke und Simone Thomalla sogar noch etwas, was man in 40 Jahren „Tatort“ tatsächlich noch nicht gesehen hat: eine Art Gottesbeweis. Nichts geschieht ohne Grund. Andreas Keppler als Messias. Wer hätte das vom Mitteldeutschen Rundfunk gedacht. Das Leipziger Modell hat nie richtig funktioniert? Mag schon sein, dieser „Tatort“ als theatrales Experiment jedoch entschädigt für viele misslungene Krimis der vergangenen sieben Jahre. Da sei dann auch das unsägliche Schlussbild verziehen.

„Tatort - Niedere Instinkte“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15

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