Abschied von "Zimmer frei!" nach 20 Jahren : "Lieber als Könige gehen"

Der Letzte macht das Licht aus: Christine Westermann und Götz Alsmann feiern Abschied von „Zimmer frei!“. Dabei hat Anne Will noch eine wichtige Frage.

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Zeit zu gehen : Abschiedsgala am Sonntag für Christine Westermann und Götz Alsmann
Zeit zu gehen : Abschiedsgala am Sonntag für Christine Westermann und Götz AlsmannFoto: WDR/Ben Knabe

Das war noch mal so ein besonderer Moment. Thomas Gottschalk als letzter regulärer Gast bei „Zimmer frei!“ am vergangenen Sonntag. Mit Christine Westermann zusammen vor kubanischer Kulisse Zigarre rauchend. Gottschalk, die TV-Legende, eine schwer zu knackende Nuss. Er erzählt, wie der Vater früh starb und die Mutter allein die drei Kinder großzog. „Ich habe immer Klamotten aus der Kleidersammlung getragen, dafür räche ich mich natürlich jetzt.“ Darauf Westermann: „Was würdest du deiner Mutter sagen, wenn du jetzt noch einmal mit ihr reden könntest?” Gottschalk: „Ich habe ihr eigentlich nie gesagt, wie dankbar ich dafür bin, dass sie das mit uns alles geschafft hat.”

Am Sonntagabend läuft die finale Ausgabe von „Zimmer frei!“. Zum letzten Mal dürfen sich Prominente um Wohnraum bewerben und ganz nebenbei auch intimere Details verraten. Ein Dauerbrenner. Der Autor dieses Textes hat mit der Sendung in den vergangenen 20 Jahren viel Zeit verbracht, sie auch hin und wieder aus den Augen verloren, ist aber – genervt vom Casting-Trara oder Quizunterhaltungsgedöns – immer wieder gerne zu solchen Momenten wie dem mit Gottschalk und Westermann zurückgekommen. Wissend und schätzend, dass nach dem Gespräch die nächste Sahnetorte aus der Hand von Götz Alsmann rutscht.

Kindergeburtstag und tiefer Ernst, das war es ja, was diese Show im deutschen Fernsehen so einzigartig machte; gestartet 1996, um zunächst nur ein Sommerloch im WDR-Unterhaltungsprogramm zu füllen. Damals hieß das noch West 3. Und Helmut Kohl regierte, ach. Und dann kam dieses Moderatorenpaar, was sich in der Kombination kein Showcaster oder Redakteur je hätte einfallen lassen können. Mehr Antagonismus geht nicht.

Alleine schon das Intro. Westermann, die Journalistin, die Ältere, die Seriöse – die es jetzt sogar ins „Literarische Quartett“ geschafft hat – marschiert ein, stellt sich vor die aufgedrehten Zuschauer im WDR-Studio Bocklemünd und kündigt etwas ungelenk den Gast des Abends an, während sich Alsmann neben ihr mit Haartolle hampelnd einen abfeixt.

Anno 1996: Westermann und Alsmann beim Start von "Zimmer frei!"
Anno 1996: Westermann und Alsmann beim Start von "Zimmer frei!"Foto: WDR/Hajo Hohl

Was danach abläuft, lässt sich für Außenstehende schwer beschreiben. Westermann und Alsmann versuchen herauszufinden, ob denn der Gast wirklich als WG-Partner geeignet ist. Am Ende der Sendung stimmt das Publikum mit roten und grünen Karten über die Aufnahme ab. Bis es so weit ist, muss sich der Gast nicht nur den Bauch löchrig fragen lassen, sondern sich auch noch auf die verrücktesten Spiele, wie das berühmte „Zimmer-frei!“-Bilderrätsel, einlassen.

Spiele, Musik, Albernheiten, eine ausgestellte Kulisse, Regieassistenten, die rein- und rausgerufen werden. Scheinbares Chaos, im Grunde aber straff durchchoreografiert. Wer machte da freiwillig mit? Gegenfrage: Wer nicht? Guido Westerwelle, Udo Jürgens, Anne Will, Karl Moik, Cherno Jobatey, Anke Engelke, Franka Potente, Jan Böhmermann, fast 700 zimmersuchende Prominente insgesamt, manche schauten in Köln öfters nach Zimmern – und brauchten dafür immer auch ein bisschen Mut.

Wer keine Selbstironie besaß (oder zu viel, wie der Satiriker Martin Sonneborn in einer der berühmteren „Zimmer frei“-Ausgaben), der war verloren oder zumindest nicht für dieses Format geeignet. So erging es eben auch Thomas Gottschalk, der sich erstaunlich nahbar durch die Sendung manövrierte, um auch mal kurz aus der Haut zu fahren.

Dieser unerwartete Wechsel zwischen ungemein intimen Gesprächen und Spielen, die den einzigen Zweck haben, sich möglichst anständig zum Affen zu machen und doch noch manchmal Überraschendes zur Sprache zu bringen, das war ebenso ein Erfolgsrezept wie das unmögliche Moderatorenpaar selbst.

Nicht zu Unrecht heißt es, dass man bei „Zimmer frei!“ mehr über die Gäste erfahren hat als in jeder anderen „normalen“ Talkshow. Wenn es langweilig zu werden drohte, sprang Götz Alsmann neben der verdutzten Kollegin vom Stuhl auf und animierte das Publikum. Star ist die Show, sind nicht die Gastgeber.

Natürlich ist es ein Gefühl von Melancholie

Klar, auch dieses TV-Format aus den tiefen 1990ern schien sich irgendwann überlebt zu haben, wo anderswo im Fernsehen Ironie zum Stilprinzip wurde, Gäste und Themen auch mal vorgeführt wurden wie bei den Böhmermanns, Heufer-Umlaufs, Winterscheidts. Wann weiß eine Show, dass Schluss sein sollte? Wann bleibt bei einem Abschied kein bedrückendes, sondern ein wohliges Gefühl? Wann scheint es dem Zuschauer so, als sei die Zeit stehen geblieben, mit zwei Moderatoren, die ihrer Zeit lange weit voraus waren und deswegen eigentlich nie wegzugehen brauchen?

Harald Schmidt hat sinngemäß mal gesagt, wenn man das richtige Format gefunden habe, sollte man davon nicht mehr lassen bis zum Schluss. Schmidt änderte dann so viel an seiner Sendung herum, wechselte von Sender zu Sender, dass sein Abschied bei Weitem nicht so glorreich erscheint wie der jetzt von Westermann und Alsmann.

In der letzten „Zimmer frei“!-Ausgabe am Sonntag (die am Mittwoch aufgezeichnet wurde), eine Gala mit mehr als 15 Stammgästen, die gleich mal zwei Stunden dauern wird, fragt Anne Will irgendwann Götz Alsmann: „Warum macht ihr nicht noch 20 Jahre weiter, wenn ihr so geliebt und verehrt werdet?“ Alsmanns Antwort, etwas schluckend: „Wir reden immer um den heißen Brei herum. Natürlich ist es ein Gefühl von Melancholie. Man behandelt uns heute wie die Könige. Ich möchte lieber so gehen, als dass ich irgendwann wie ein alter Köter vom Hof gejagt werde.“ Ein Großteil der „Zimmer frei“!-Deko verschwindet im Bonner Haus der Geschichte. Und ab.

„Zimmer frei! Der Abschied“, Sonntag, WDR, 22 Uhr 15

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