Medien : Abwarten und Zeitung lesen

Verleger freuen sich über Ende der Talfahrt. Schon stehen neue Probleme an

Ulrike Simon

Eines steht fest: Welcher deutsche Verlag es auch immer sein mag, der mit oder ohne Partner hierzulande eine Gratiszeitung herausbringen sollte: Er wird der Buhmann der Branche sein.

Ruhe kehrt also nicht ein, auch wenn die Zeitungsverleger erstmals seit drei Jahren wieder ein Umsatzplus verbuchen. 2004 stieg der Umsatz um 88 Millionen Euro oder ein Prozent auf knapp neun Milliarden Euro, sagte am Dienstag Dietmar Wolff, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Zeitungsverleger (BDZV), in Berlin. Zwar stieg der Anzeigenumsatz, das Niveau entspricht jedoch dem aus der Zeit von 1990/1991. Den Anstieg des Vertriebsumsatzes verdankt die Branche nur den Erhöhungen der Verkaufspreise, denn die Auflage aller 352 Tageszeitungen sank bei gleichbleibender Reichweite erneut um 2,47 Prozent auf 22,2 Millionen Exemplare.

Ruhe kehrt deshalb nicht ein, weil eine neue Angst kursiert: die vor Gratiszeitungen, wie es sie mittlerweile fast überall gibt – nur nicht in Deutschland. Zwei skandinavische Medienkonzerne haben ihre Augen auf den weißen Fleck in Europa gerichtet. Zunächst schien es, als würde der schwedische Konzern Metro sein Konzept einer Gratiszeitung mit der Axel Springer AG nach Deutschland bringen. Die Gespräche scheiterten. Angeblich, weil Springer nur dann eine Gratiszeitung herausbringen würde, wenn ihm ansonsten ein anderer zuvorkäme. Den größten Schaden hätten schließlich Boulevardblätter, allen voran Springers größter Gewinnbringer „Bild“, zu befürchten. Springers Credo lautet bisher: Wir sind gegen Gratisblätter, aber wenn die Entwicklung nicht aufzuhalten ist, werden wir selbst aktiv. Und zwar ohne einen einschränkenden Partner, wie es mittlerweile heißt.

Auf der anderen Seite klopft seit Monaten überall der norwegische Konzern Schibsted an und lotet bereits Kapazitäten in deutschen Druckereien aus. Immer wieder im Gespräch ist der zeitungsunerfahrene Sender RTL, der das Projekt bei seiner Diversifikations-Abteilung „RTL Interactive“ angliedern würde. Tatsächlich dürfte RTL die dafür notwendigen Investitionen dringender fürs eigene Programm und die Nerven zur Lösung hausinterner Herausforderungen brauchen.

Denn klar ist: Ein kostenloses Blatt, das nur von Anzeigen lebt, funktioniert nur bei nationaler Verbreitung. Allein der Aufbau eines Vertriebs geht immens ins Geld, zumal nur in ganz wenigen Städten das Aufstellen von Verteilkästen erlaubt ist. Schnell einen dreistelligen Millionenbetrag dürfte ein solches Projekt vor allem deshalb kosten, weil alle größeren Häuser ein Konzept für eine eigene Gratiszeitung in der Schublade haben und sofort reagieren würden. Nachdem die deutschen Verlage den Markteinstieg von Schibsteds „20 Minuten“ in Köln vor vier Jahren erfolgreich abgewehrt haben, könnte es bald eine Neuauflage dieses „Zeitungskriegs“ geben. Oder aber: Niemand unternimmt etwas in diese Richtung, und es passiert gar nichts. Nach der erfolglosen Klage gegen Schibsted aus dem Jahr 2001 steht jedenfalls fest: Juristisch legitim ist die Verbreitung von Gratiszeitungen, auch wenn das Verschenken von redaktioneller Leistung moralisch zweifelhaft sein mag.

In der Zwischenzeit kümmert sich der BDZV um andere Probleme. Etwa den Vorstoß des Bundesjustizministeriums, die Handelsregisteranzeigen künftig im Internet zu veröffentlichen. Damit würden den Zeitungen nicht nur 40 bis 50 Millionen Euro, sondern auch die Funktion als „Bekanntmachungsorgan“ verloren gehen, sagte Wolff. Etwas spät hingegen erscheint das Lamentieren gegen den Fußball-Weltverband Fifa. Erstens wegen der sehr eingeschränkten Möglichkeiten, das WM-Logo und das Maskottchen „Goleo“ abbilden zu dürfen. Zweitens wegen der späten Anstoßzeit um 21 Uhr. Zurzeit zerbrechen sich viele Verlage den Kopf über möglichst späte Andruckzeiten. Insbesondere die überregionalen Zeitungen werden damit leben müssen, dass sie am Tag nach den Spielen nur in kleinen Teilauflagen die Ergebnisse und Berichte werden drucken können.

Im laufenden Geschäftsjahr hofft der BDZV auf Sondereffekte durch die geplanten Neuwahlen. Eine Prognose für das laufende Jahr will er dennoch nicht abgeben.

Auf die Frage, ob der Verband nach einem Regierungswechsel die im Vermittlungsausschuss endgültig gescheiterte Liberalisierung des Kartellrechts für Zeitungen angehen werde, hielt sich der Verbandsgeschäftsführer bedeckt. Fakt sei, dass die strukturellen Veränderungen seit Einführung der Pressefusionskontrolle im Jahr 1976 zu Lasten der Verlage gingen. Das Problem sei erkannt, nun warte man „die neuen Konstellationen ab“.

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