Medien : Adenauer-Fernsehen

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Joachim Huber bedauert, dass

Willy Brandt im ZDF nicht gewinnen kann

Es war wie ein Schock. Bei der ersten „Hochrechnung“ lag Konrad Adenauer mit 74 Prozent der Stimmen vor Willy Brandt, der nur 26 Prozent erreichte. Meine Mutter hat das bestimmt gefreut, mich hat es erschüttert. Für sie war und ist der CDU-Kanzler das Beste, was der Bundesrepublik jemals passiert ist, für mich war und ist der erste SPD-Kanzler ein Mensch als Politiker. Zugegeben, als Brandt dazu aufrief, mehr Demokratie zu wagen, habe ich dies auch als Aufruf an meine Eltern uminterpretiert, abends endlich länger wegbleiben zu dürfen.

„Unsere Besten“ am Dienstagabend im ZDF: Adenauer gegen Brandt gestellt in der Wahlentscheidung um den größten Deutschen. Alles ein fragwürdiges Spiel, die Verformung historischer Leistungen zu Entertainment, berechtigte Kritikpunkte am ZDF-Format – und doch zeigte diese Folge, was an Kraft drinsteckt. Der ZDF-Historiker Guido Knopp war des CDU-Politikers Pate: „Adenauer ist der Staatsmann, der am meisten für unser Land getan hat.“ Friedrich Nowottny, über viele Jahre der ARD-Berichterstatter aus Bonn, legte sich für den SPD-Politiker ins Zeug: „Dass wir heute in Frieden leben. das verdanken wir Willy Brandt.“ Beide, Knopp wie Nowottny, wirkten bestens präpariert, sie argumentierten klug, und sie polemisierten über des jeweils anderen Favoriten. Es war ihnen wichtig, sehr wichtig, wie durch sie hindurch die beiden Kanzler beim Zuschauer ankommen. Johannes B. Kerner setzte für das leidenschaftliche Hin und Her nur die Leitplanken, gekonnt moderierte er ein sich selbst tragendes Gespräch zweier Rhetoriker. Da wollte der Zuschauer mehr und mehr, wie festgetackert saß er im Sessel.

Die erste „Hochrechnung“ konnte deprimieren, nicht deprimiert hat sie Friedrich Nowottny. Er legte nach und wieder nach, offensichtlich mit Erfolg, wie das Endergebnis zeigte: 61 Prozent für Konrad Adenauer, 39 Prozent für Willy Brandt. Natürlich, auch bei diesem Stimmungsbild müssen die Parteigänger von Willy Brandt aufgemuntert werden. Trost ist möglich, just das ZDF hält ihn bereit. Das Publikum des Zweiten Deutschen Fernsehens ist im Schnitt 58 Jahre alt. Diese Klientel neigt in ihrer Mehrheit dazu, bei Wahlen der Union ihre Stimme zu geben. Nach dieser groben Formel sitzen CDU- Wähler bei der „Besten“-Show vor dem ZDF-Schirm und lassen ihrer parteipolitischen Ausrichtung freien Lauf. Sie haben Konrad Adenauer bereits an die Spitze des Zehner-Rankings gewählt, dahinter folgt, immerhin, Willy Brandt.

Wird Adenauer der größte ZDF-Deutsche, dann ist seine späte Rache an dem Sender, den er Anfang der 60er Jahre als seinen Regierungssender etablieren wollte und dann doch nicht konnte, vollkommen – und das Adenauer-Fernsehen auf Sendung. Meine Mutter schaltet ein.

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