Ägptisches Museum Kairo : Putzteufel bei den Pharaonen

Eine Doku gewährt faszinierende Blicke in das Ägyptische Museum in Kairo.

Christina Tilmann
Goldmaske
Vom Staub befreit: Die Goldmaske des Tutanchamun. -Foto: WDR/Längengrad Filmproduktion

KairoUnendlich weite, hohe Hallen, eine einsame Frau im schwarzen Kleid allein im Museum. Treppe rauf, Treppe runter, rechts Pharaonensärge, links Pharaonensärge, Gold schimmert, Staub wirbelt auf. Wafaa el Saddik, die Direktorin des Nationalmuseums in Kairo, hat einen ganz besonderen Arbeitsplatz: eines der reichsten, größten, chaotischsten, beliebtesten Museen der Welt. Bis zu 10 000 Besucher strömen täglich in den rosa gestrichenen klassizistischen Bau am Hauptplatz von Kairo, über 2,5 Millionen sind es im Jahr. Zumeist europäische und amerikanische Touristen, kaum Einheimische, denen ist der Eintritt zu teuer. Die Eintrittsgebühren finanzieren die Altertumsverwaltung in Kairo und nützen auch Wafaa el Saddik. Doch am liebsten hat sie ihr Haus abends, wenn die Besucher die Räume verlassen haben. Dann streift sie durch die Säle, allein mit der Kunst.

Allein mit der Kunst ist auch die WDR-Arte-Dokumentation „Im Schatzhaus der Pharaonen – das Ägyptische Museum in Kairo“. Rüdiger Heimlich und Thomas Weidenbach ist etwas ganz Besonders erlaubt worden: Sie begleiten die Direktorin mit der Kamera durch das Haus – und vor allem auch in den Keller des Museums, den legendären Keller, in dem Tausende von unentdeckten Schätzen lagern. Vielleicht sind sie etwas zu stolz darauf, vielleicht betonen sie etwas zu oft die Sensation, die dieser Zugang bedeutet. Doch insgesamt gewährt ihr Film einen faszinierenden Blick hinter die Kulissen des Riesenmuseums.

Inventur als Schatzsuche

Schwere Vorhängeschlösser sichern den Zugang im zweiten Untergeschoss, Polizisten begleiten jeden Besucher – nur wenigen im Haus ist es bislang erlaubt worden, den Keller zu betreten, in dem seit der Eröffnung des Museums 1902 Funde aus allen Grabungen Ägyptens gesammelt wurden. 10 500 Quadratmeter, ein Labyrinth, und in ihm: Kisten, Kisten, Kisten. Zum Teil noch aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, von berühmten Archäologen wie Ludwig Borchardt oder Howard Carter, dem Entdecker von Tutanchamun, alles unversehrt. Öffnet man sie, kommen Goldmasken zu Tage, Mumien oder auch nur einzelne Reliefteile, Tempelfragmente, Scherben oder Blattgold.

Das meiste ist weder katalogisiert noch beschriftet. Eine Sisyphusarbeit, der sich die Direktorin, die seit 2004 im Amt ist, stellt, eine Lebensaufgabe, die wohl größte Inventur in der Geschichte der Archäologie. Der Film inszeniert die Arbeit als Schatzsuche, begleitet eine Hamburger Archäologin, die, als erste Ausländerin überhaupt, im Keller nach einem Prozessionsrelief aus der Anlage von Abu Ghurab suchen darf – sie findet es natürlich nicht, unter den Tausenden noch nicht erschlossenen Reliefstücken. Aber sie findet das Einlieferungsbuch von damals, in dem Kisten aus Abu Ghurab verzeichnet sind – und eine Liste von 1912, in der schon viele Fragezeichen stehen. Wer weiß, vielleicht werden Wafaa el Saddik und ihre Mitarbeiter irgendwann auch dieses Rätsel lösen. 600 Sarkophage, 1200 Kisten und 170 Mumien haben sie schon gefunden und katalogisiert. Die Objekte sollen irgendwann im Internet allen Wissenschaftlern zugänglich sein.

Verzweifelter Kampf gegen Smog, Staub und Fingerabdrücke

Wenn sie dann noch erhalten sind. Nur notdürftig mit Plastikplanen vor Staub geschützt sind die Mumien im Keller, und auch in der Dauerausstellung gibt es, gerade bei den beliebtesten Objekten, Sorgenkinder wie den Sarkophag des Juja, Vater der Königin Teje. Die Vergoldung platzt ab, die Mumie im Inneren, mit ihrem blonden Haar und den markanten Zügen eines der beeindruckendsten Stücke des Museums, müsste längst in der klimatisierten Panzervitrine lagern, für die, wie für vieles, kein Geld da ist. Jeden Morgen um acht beginnt für 200 Putzfrauen im Haus ein verzweifelter Kampf gegen Smog, Staub und Fingerabdrücke auf den Vitrinen. Mittendrin: Wafaa el Saddik. Den Putzteufel, die Deutsche, nennen ihre Mitarbeiter sie,weil sie so penibel auf Sauberkeit achtet. Die Direktorin hat zwölf Jahre in Deutschland, in Köln, gelebt. Und weiß doch: „Das Museum wird nie die Kopie eines europäischen Museums sein. Es bewahrt seine Geheimnisse.“ Nicht nur im Keller.

„Im Schatzhaus der Pharaonen“, Freitag, Arte, 19 Uhr

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