Medien : Afghanistan und Pakistan: Wispern im Basar

Gabriele Venzky

Die Geräte sind grün und zerbeult, made in UdSSR, made in USA, made in China. Die zwei Lastwagenbatterien, die daneben stehen, kommen aus Pakistan. Beides zusammen ergibt das in Afghanistan am häufigsten gebrauchte Instrument zur Nachrichtenübermittlung: das Radio. Die Taliban gebrauchen dieses Medium, die oppositionelle Nordallianz benutzt es. Wie sonst soll man kommunizieren in einem Land, wo es außer ein paar Kurbeltelefonen kaum Telekommunikation gibt, schon gar nicht für die Bevölkerung. Auch Funksprechgeräte sind den Taliban und den Kommandanten der Kriegsparteien vorbehalten. Computer, Internet, E-mail? Unbekannt.

Auf Osama bin Laden trifft das nicht zu. Dieser Mann, der dem Westen den Vernichtungskampf angesagt hat, verwendet die fortschrittlichsten Technologien des Feindes, um aus seinen Höhlenverstecken Krieg zu führen. Seit einigen Tagen schweigen freilich seine Satellitentelefone und seine Computer, weil er weiß, dass die USA über neue Systeme zur Ortung von Terroristenverstecken verfügen, die es angeblich erlauben, die Zeit zwischen Ortung und Militärschlag auf ein Minimum zu reduzieren. Seit neustem werden seine Ankündigungen eines "Heiligen Krieges" , wie jene an den Fernsehsender Al-Jazeera in Qatar, per Boten zum nächsten Fax-Gerät gebracht; das steht in der Regel im Nachbarland Pakistan, eine halbe Tagesreise entfernt.

Auch die Taliban, die immerhin in ihrer Lehmhauptstadt Kandahar ein paar Faxgeräte und Computer stehen haben, verlassen sich jetzt lieber auf Boten, wenn es darum geht, der Außenwelt etwas mitzuteilen. Anordnungen nach Innen dagegen werden über die allgegenwärtigen Lautsprecher verkündet oder über Radio Scharia. In einem Land, wo Fernsehen verboten ist, weil das menschliche Gesicht nicht gezeigt werden darf, wo es keine Videokassetten gibt - die benutzt nur Osama bin Laden für seine Propagandafilme -, ist für die Menschen wie seit Jahrhunderten die einzige Nachrichtenquelle der Basar. Wisperpropaganda, Gerüchte, aber auch harte Fakten, sie machen auf den Märkten des Landes in Windeseile die Runde. Nun, da die Leute wissen, dass die Taliban von der Nordallianz so hart bedrängt werden, die gefürchtete Sittenpolizei mit anderem beschäftigt ist, haben die Leute sogar wieder angefangen, Musik zu spielen und Hochzeiten zu feiern.

Das berichtet die Zeitung "News" ihren Lesern im Nachbarland Pakistan. Anders als die Afghanen sind die Pakistani bestens über die gegenwärtige Lage informiert. In den englischsprachigen Zeitungen des Landes, zu denen "News" und "Dawn" gehören, und die von ausgezeichneter Qualität sind, wird fundiert und neutral berichtet. Das gilt auch für Teile der urdu-sprachigen Presse, deren Auflage doppelt so hoch ist. Aber nicht durchgängig. Hier finden sich so manche Elogen für Osama bin Laden und den Fundamentalismus und Aufrufe zum Heiligen Krieg.

Trotz Militärherrschaft dominiert, zumindest bei den Medien, die sich in Privathand befinden, Pressefreiheit. Das gilt natürlich nicht für das staatliche Fernsehen und Radio. Dort spricht die Stimme des Herrn. Aber für die meisten Pakistani stehen auch solche internationalen Sender wie CNN, BBC World und Deutsche Welle zur Verfügung. Entweder über die riesigen Satellitenschüsseln, welche die Häuser der Reichen zieren, oder per Kabel, wobei staatliche Stellen im Kabelfernsehen solche Sendungen mit Werbung oder anderen Programmen überdecken, die ihnen nicht passen.

Fernsehen ist die große Faszination. Auch Pakistan ist ein Land der Analphabeten. Die Hälfte der Männer und zwei Drittel der Frauen können nicht lesen und schreiben. Obwohl die Moderne bereits Einzug gehalten hat, vertrauen diese Menschen wie die Afghanen am meisten der Nachrichtenbörse Basar: schnell, effizient und keineswegs immer wahr, machen die Neuigkeiten die Runde.

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