Agenturen : Das Sparmodell

Können Zeitungen auf Meldungen der größten deutschen Nachrichtenagentur dpa verzichten, ohne Qualitätseinbußen hinzunehmen?

Sonja Pohlmann

Bis vor einigen Wochen liefen täglich um die 700 dpa-Meldungen auf dem Bildschirm von Lutz Heuken ein. Heute bekommt der Chef des Newsdesk der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ keine einzige mehr zu sehen. Nicht nur, weil sich die Blätter der WAZ-Gruppe noch mehr zu Autorenzeitungen entwickeln sollen, sondern auch aus Kostengründen hat die Gruppe den Vertrag mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) für ihre NRW-Titel nicht verlängert. Zu ihnen gehören auch die „Westfalenpost“, die „Neue Ruhr-/Rheinzeitung“ und die „Westfälische Rundschau“. Drei Millionen Euro spart die Gruppe durch den dpa-Verzicht im Jahr. Jetzt hat auch die Chefredaktion der „Hessischen Allgemeinen“ den dpa-Dienst als großen Kostenblock ausgemacht und verzichtet darauf – probeweise. Anfang Mai wird ausgewertet, ob die in Kassel erscheinende Zeitung weiterhin auf die größte deutsche Nachrichtenagentur verzichten kann, ohne Qualitätseinbußen hinzunehmen. Einen sechsstelligen Betrag könnte die zur Ippen-Gruppe gehörende „HNA“ dadurch sparen.

Für die dpa steht bei diesem Versuch viel auf dem Spiel. Stellt die „HNA“ fest, dass sie ohne die Agentur auskommen kann, könnten sich auch andere Verlage zu einem Verzicht entschließen. Dadurch würde jedoch das genossenschaftliche Solidaritätsmodell infrage gestellt. Rund 190 deutsche Medienhäuser tragen zurzeit die dpa. Wie viel sie jeweils für den Dienst bezahlen, hängt von ihrer Auflage beziehungsweise Reichweite ab. Gleichzeitig sind sie je nach Ertragslage am Gewinn der dpa beteiligt: Etwa 1,1 Millionen Euro bekamen die Gesellschafter als Dividende im vergangenen Jahr. Sollten sich nun mehr und mehr Verlage aus dem Modell zurückziehen, könnte das höhere Kosten für die verbleibenden Verlage beziehungsweise weniger Mittel für die dpa bedeuten. Gerät Deutschlands älteste Nachrichtenagentur im 60. Jahr ihres Bestehens in die Krise?

„Sicher nicht“, ist dpa-Chef Wilm Herlyn überzeugt. Er sieht seine Agentur als unverzichtbar für die deutsche Medienlandschaft. Blätter, die wie die „Rheinische Post“ oder die „Saarbrücker Zeitung“ zuvor ohne dpa hätten auskommen wollen, seien wieder Kunde geworden.

Die WAZ-Gruppe bleibt jedoch vorerst beim Verzicht. Nur noch Meldungen von AFP, Reuters, sid, ddp und den kirchlichen Agenturen epd und KNA laufen zurzeit bei ihren NRW-Titeln ein. „Um nichts zu verpassen, müssen wir jetzt noch wachsamer sein und in noch engerem Austausch mit unseren Korrespondenten stehen“, sagt Newsdesk-Chef Heuken. Bisher seien nur wenige Male kleinere Ereignisse an den Zeitungen vorbei- gegangen, generell könne er keine Qualitätseinbußen feststellen. Von anderer Stelle aus dem Haus ist jedoch zu hören, dass die Arbeit ohne dpa sehr mühsam ist – und scheinbar auch nicht wirklich durchzuhalten. Zumindest hat die Agentur den Eindruck, dass weiterhin Meldungen von ihr verwendet werden. Das kann sie mit ihrem Attributor, einer Maschine, die dpa-Inhalte automatisch erkennt, selbst überprüfen. Juristisch vorgegangen ist die Agentur gegen die scheinbare Weiterverwendung ihrer Nachrichten durch die NRW-Titel jedoch nicht. Herlyn ist zuversichtlich, dass die Gruppe ohnehin bald wieder dpa-Kunde wird.

Dass der deutsche Staat die dpa subventioniert, so wie der französische die AFP, sieht Herlyn nicht als Alternative zum Genossenschaftsmodell. Staatsferne und Staatsunabhängigkeit seien für den Journalismus in einer Demokratie unverzichtbar. Wenn Wolfgang Büchner, derzeit noch Spiegel-Online-Chef, ab Juli Herlyns Stellvertreter an der dpa-Spitze wird und ihn spätestens 2010 ablöst, muss er sich deshalb für ein weiterhin starkes Solidaritätsempfinden unter den deutschen Verlegern für die dpa einsetzen – am besten gelingen dürfte dies durch entsprechende Leistungen. Derzeit prüft die dpa, die Bildredaktion aus Frankfurt am Main und die Dienste für Internet und Mobilfunk sowie die Basisdienst-Berichterstattung aus Hamburg an einem Ort zu zentralisieren. Möglicherweise in Berlin, wo bereits das Bundesbüro sitzt. Anfang Mai will der Aufsichtsrat über den Umzug beraten, durch den die multimediale Aufstellung der dpa verbessert werden könnte.

In dieser Zeit wird dann auch bei der „HNA“ der dpa-Verzicht ausgewertet – stellt sich heraus, dass dies auf Dauer unmöglich ist, wird die dpa sogar gestärkt aus der Krise herausgehen. Verleger Dirk Ippen, der unter anderem auch den „Münchner Merkur“ und den „Westfälischen Anzeiger“ herausgibt, hat bereits signalisiert, überzeugter dpa-Anhänger zu sein. Sonja Pohlmann

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