Aktham Suliman : Für Al Dschasira in Berlin

Informatik hat er studiert, im „Big Eden“ war er Garderobier. Heute ist Aktham Suliman Korrespondent für Al Dschasira in Berlin

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„Wie Viagra für die Seele“. Aktham Suliman (links) berichtete als Reporter für Al Dschasira aus Kairo. Nach Mubaraks Rücktritt feierte er auf dem Tahrir-Platz.Foto: Vassili Giorgiadis
„Wie Viagra für die Seele“. Aktham Suliman (links) berichtete als Reporter für Al Dschasira aus Kairo. Nach Mubaraks Rücktritt...

Sich nie mit einer Sache gemein zu machen, auch nicht mit einer guten, dieses Diktum von Hanns Joachim Friedrichs ist für Aktham Suliman eine der wichtigsten Regeln beim Journalismus. Doch in dieser Nacht überrumpelt ihn die gute Sache, ohne dass er sich wehren kann. Er wird geküsst und bejubelt von Menschen, die er noch nie zuvor gesehen hat, ein Mann trägt ihn auf seinen Schultern durch die Menge, die sich auf dem Tahrir-Platz in Kairo versammelt hat. Es ist der 11. Februar 2011, gerade hat der ägyptische Präsident Hosni Mubarak seinen Rücktritt verkündet – und nun wollen sich die Menschen bei Aktham Suliman bedanken.

Suliman arbeitet für Al Dschasira. Während ägyptische Staatsmedien die Proteste verschwiegen, Telefon- und Internetleitungen gestört wurden, berichtete der panarabische Sender trotz Verbots von den Demonstrationen. Ohne ihn und den Einsatz seiner Reporter, so glauben viele Menschen nicht nur in Ägypten, wäre aus dem arabischen Frühling schnell wieder ein Herbst geworden.

„Rieche ich etwa nach Revolutionsschweiß? Sehe ich abgekämpft aus?“ fragt Suliman. Der 41-Jährige hatte seine Kollegen in Kairo unterstützt, das war im Februar. Jetzt sitzt er wieder in seinem Büro im 17. Stock des Internationalen Handelszentrums an der Friedrichstraße in Berlin und erzählt von seinen Erlebnissen in Ägypten. Er trägt ein rosafarbenes Hemd, einen braunen Anzug und trommelt aufgebracht auf seinem langen Schreibtisch, auf dem sich Zettel mit Notizen, Tassen mit eingetrocknetem Kaffee und Videokassetten stapeln. „Ich bin kein Revolutionär. Die waren es“, sagt Suliman und zeigt auf Che Guevara und Graf von Stauffenberg. Er hat die Schwarz-Weiß-Fotos der beiden Männer aus Magazinen ausgerissen und an die Pinnwand vor seinem Schreibtisch geklebt. Ein Revolutionär, das sei doch jemand, der für seine Sache lebe und bereit sei, für sie zu sterben. „Bei Al Dschasira aber arbeitet man sicher nicht ehrenamtlich. Man macht Karriere und verdient sein Geld“, sagt Suliman.

400 Journalisten berichten für den Sender aus 65 Ländern, der englische Dienst Al Dschasira English erreicht ungefähr 200 Millionen Menschen weltweit, der arabische Dienst, für den Suliman arbeitet, wird nach Angaben des Senders in etwa 50 Millionen Haushalten in der arabischen Welt empfangen. Hauptsitz ist Doha, Hauptstadt des Emirats Katar, wo der Sender 1996 von Scheich Hamad bin Chalifa Al Thani gegründet wurde. Zuvor hatte er seinen Vater gestürzt, die Zensur abgeschafft und wollte mit Al Dschasira sein Land bekannt machen. „Die Insel“ bedeutet der Name übersetzt – Suliman ist hier aber nicht allein wegen der Karriereaussichten gelandet.

Eigentlich kommt er 1989 aus seiner Heimatstadt Damaskus nach Berlin, um Informatik zu studieren. Viele Gedanken hat er sich nicht um das Fach gemacht, für ihn steht nur fest, eine Universität im Ausland zu besuchen, so wie es für Abiturienten aus der syrischen Mittelschicht üblich ist. Doch als er sich im August 1990 an der Technischen Universität einschreibt, marschieren irakische Soldaten in Kuwait ein. Statt für Algorithmen interessiert sich Suliman für die aktuellen Ereignisse, verschlingt Zeitungen, schaut Nachrichten. „Da dachte ich, dass es doch viel praktischer wäre, das gleich zu meinem Beruf zu machen“, sagt Suliman. „Ich wollte immer wissen, wie andere Menschen die Welt sehen. Davon dann auch noch berichten und leben zu können, war eine tolle Vorstellung.“ Er wechselt zur Publizistik, studiert dazu noch Islamwissenschaft und Politik. Sein Geld verdient er sich als Garderobier in der Diskothek „Big Eden“ und fängt an, kleine Stücke für arabische Magazine zu schreiben. Im Uni-Radio experimentiert er mit Beiträgen,nach einem Praktikum bei der Deutschen Welle arbeitet er als fester freier Mitarbeiter für das arabische Programm des Senders.

Mit den Anschlägen am 11. September 2001 eröffnet sich für ihn eine neue Perspektive. Al Dschasira will über das Land berichten, in dem die Terroristen unentdeckt an ihren Pläne feilen konnten, Suliman bekommt den Job. Dass er fester Korrespondent in Berlin wurde, habe er aber Gerhard Schröder und dessen Nein zum Irak-Krieg 2002 zu verdanken. „Die arabische Welt wollte wissen, was in einem Land passiert, das sich so ganz anders als seine Alliierten verhält“, sagt Suliman.

Zu seinem Team gehören heute zwei Kameramänner, eine Producerin und eine Sekretärin. Das „Berlin Office“ besteht aus vier Räumen, in einer Ecke ist ein Schnittplatz eingerichtet, fünf bis 15 Beiträge produziert Suliman pro Monat für Al Dschasira. Seine Armbanduhr geht immer eine Stunde vor, er arbeitet und denkt in Doha-Zeit. Themen spricht er mit Nachrichtenchef Mustafa Souag per Intranet ab. Für Live-Schalten geht er rüber ins benachbarte Hauptstadtstudio des ZDF, von dort können die Beiträge schnell per Satellitenverbindung nach Doha gesendet werden. Zuletzt nutzte Suliman die Leitung vor allem für Berichte über Deutschlands Nein zum Libyen-Einsatz, eine ähnliche Situation wie damals beim Irak-Krieg. „Aus Deutschland kommen nicht kontinuierlich Nachrichten, die für die arabische Welt spannend sind. Aber hin und wieder, wie damals mit Schröder oder jetzt mit Westerwelle, gibt es eine Überraschung und dafür lohnt es sich, hier einen Korrespondenten zu haben“, sagt Suliman. Das hat offenbar auch der Al Dschasira Englisch erkannt: zwei Korrespondenten sollen in die Hauptstadt geschickt werden.

Suliman, der auch Länder wie Polen, Österreich, Ungarn und Rumänien abdeckt, hat im Laufe der Jahre erlebt, wie sich das Bild des Senders auch in Europa gewandelt hat. Hieß es anfangs noch: „Ach, ihr seid doch die Freunde von Osama bin Laden“, wenn er sich als Korrespondent vorstellte, weil ein Reporter von Al Dschasira im Oktober 2001 exklusiv ein Interview mit dem kürzlich erschossenen Al Qaida-Chef geführt hatte, wird Suliman seit einiger Zeit Anerkennung für die Arbeit und die liberale Haltung von Al Dschasira gezollt. Sogar US-Außenministerin Hillary Clinton lobte den Sender kürzlich für seine Berichterstattung, die US-Medien könnten sich an ihr ein Beispiel nehmen. Suliman gibt nicht viel auf solche Äußerungen. „Wir lösen keine Revolutionen aus, wir berichten über Ereignisse und machen damit nur unsere Arbeit. Und das ist auch gut so“, sagt er. Der Sender könne zwar Themen auf die Agenda setzen, eine Atmosphäre schaffen und Menschen das Gefühl geben, wahrgenommen zu werden. „Aber dass sie deshalb auf die Straße gehen, ist nicht nachweisbar“, sagt er.

Wie viel Macht die Menschen dem Sender zutrauen, erlebt er auch in Berlin immer wieder. Fast jeden Tag klingele das Telefon, weil ihn Ägypter, Syrer, Jordanier oder Jemeniten über eine anstehende Demonstration informieren, über die er berichten soll. Ob er kommt, entscheide er nur nach Nachrichtenwert, beispielsweise danach, wie groß die Gruppe ist.

Allerdings wäre Suliman viel lieber an einem anderen Ort als Berlin. Gebannt blickt er auf den Fernseher in seinem Büro, auf dem den ganzen Tag Al Dschasira läuft. Die Aufnahmen aus Syrien zeigen Demonstranten, die über die Straße rennen, bewaffnete Soldaten, Schüsse sind zu hören. „Ich muss dahin. Ich will sehen, riechen, schmecken, was da los ist“, sagt Suliman. Zwar besitzt er inzwischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft, doch die Umbrüche in der arabischen Welt bewegen ihn sehr. „Nicht nur als Reporter, sondern auch als Mensch.“ Noch hat ihn sein Chef nicht nach Syrien beordert. Al Dschasira dürfe dort gerade nicht arbeiten. Dabei ist Suliman seit Ägypten darin geübt, heimlich zu berichten, ausgestattet nur mit kleiner Handkamera. Er will dabei sein, wenn die Menschen in seiner Heimat ihre Forderungen nach Meinungsfreiheit und Demokratie, wie zuvor die Ägypter, friedlich durchsetzen, sagt er: „Die Freude auf dem Tahrir-Platz zu erleben, war wie Viagra für meine Seele.“

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