Aktivisten : Wasser zu Wein

Neues von Henryk M. Broder und der angeblichen Jüdin Edith Lutz.

Henryk M. Broder

Am 5. Oktober erschien auf dieser Seite des Tagesspiegels ein Bericht („Von Heine nach Gaza“) über eine Eifeler Hausfrau namens Edith Lutz, die sich seit Jahren als eine israelkritische „deutsche Jüdin“ ausgab. Frau Lutz gehörte dem Verein „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ an, sie sammelte Spenden für die Kinder in Gaza und war an Bord des Motorseglers „Irene“ dabei, mit dem sie und acht andere Aktivisten die israelische Seeblockade von Gaza durchbrechen wollten.

Im Vorfeld der Aktion, am 17. Juni, berichtete das ARD-Magazin „Monitor“ über „Helfer“, die „übers Meer kommen“ würden, um den Eingeschlossenen von Gaza zu helfen: „Und es sind Juden aus Deutschland“, so die „Monitor“-Moderatorin Sonia Mikich. Was „Monitor“ übersehen hatte oder nicht sehen wollte: Frau Lutz kam zweifellos aus Deutschland – genauer: aus dem Dorf Sötenich in der Eifel – war aber keine Jüdin. Sie hatte sich selbst zur Jüdin ernannt, weniger aus Religiosität als aus dem Bedürfnis heraus, von den Medien wahrgenommen zu werden. Außerdem war sie auch „Ehrenbürgerin von Palästina“, der Ministerpräsident von Gaza, Haniye, hatte ihr eigenhändig die „Staatsbürgerschaft“ und einen VIP-Pass verliehen.

Nach dem Bericht im Tagesspiegel tauchte Frau Lutz ab, war für Presseanfragen nicht erreichbar. Dennoch verbreitete Radio Vatikan, die Stimme des Papstes und der Weltkirche, noch am 10. Oktober eine Geschichte, die auf einer Meldung der Katholischen Nachrichtenagentur vom selben Tag beruhte: Die „deutsche Jüdin“ Edith Lutz habe erklärt, der Erfolg der Aktion sei „größer als erwartet“, vor allem „in den israelischen Medien sei das Thema eine Woche präsent“ gewesen. Wie seltsam, dachte ich, eine Nachrichtenagentur, die nicht up-to-date ist. Auf eine diesbezügliche Anfrage teilte mir der Chef vom Dienst der KNA, Thomas Winkel, mit, man habe bei der KNA aufgrund der vorausgegangenen Berichte über Frau Lutz „keine Veranlassung“ gesehen, „die von Frau Lutz angegebene Religionszugehörigkeit in Zweifel zu ziehen“. Eine Klärung dieser Frage sei „ohne Mitarbeit von Frau Lutz … nicht möglich“. Deswegen werde man „bei evtl. künftiger Berichterstattung weder schreiben, dass sie Jüdin ist – noch dass sie keine Jüdin ist“.

Zwei Tage später ließ mich der Chef vom Dienst wissen, er habe Frau Lutz „trotz mehrfacher Versuche in letzter Zeit nicht erreicht, jedoch auf ihrem AB eine Nachricht mit der Bitte um Rückruf hinterlassen“. Vergangenen Montag war es endlich so weit. Frau Lutz rief zurück. „Auf Nachfrage sagte sie, sie sei zum jüdischen Glauben konvertiert und nannte … auch das Jahr des Übertritts. Diese Jahresangabe sei jedoch ihre Privatsache … Mit demselben Argument (,Privatsache’) lehnte sie weitere Antworten zum Thema Religionszugehörigkeit ab.“ Damit war für Thomas Winkel und die KNA die Sache erledigt.

Und wenn demnächst jemand bei der KNA anruft und behauptet, es sei ihm gelungen, Wasser in Wein zu verwandeln, wird man sich mit der Jahresangabe zufriedengeben und den Rest als „Privatsache“ abhaken.

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