Medien : Akzentfrei

Das Nachfolgeprogramm hat zwar Formate übernommen, nicht jedoch den Geist

Anetta Kahane

„Was gibt’s Neues? Berlin, Frankfurt (Oder) und Cottbus gehören jetzt zu unserem Sendegebiet. Außerdem hat die Slowakei jetzt eine neue Währung, die uns irgendwie bekannt vorkommt: den Euro.“ Die Stimme aus dem Funkhaus Europa klingt irgendwie blond. Auf jeden Fall ist sie vollkommen akzentfrei. Und sie ist frei von jeder Spezifik, frei von Konflikten, Chancen, frei von jeglicher Nähe zum wahren Leben und daher natürlich auch frei von Humor. Seit dem 1. Januar ist das Funkhaus Europa, produziert im Kölner WDR, in Berlin und Brandenburg auf der Frequenz 96,3 auf Sendung. Das Programm soll das aus Kostengründen eingestellte Radio Multikulti vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) ersetzen. Schauen wir uns genauer an, was diese Entscheidung bedeutet und wie sich das Nachfolgeprogramm anhört.

Die Deutschen leiden von jeher an einer besondere Krankheit: der Identität. Ständig wird ihre Fieberkurve diskutiert. Ist sie deutsch genug? Oder europäisch? Welche Rolle spielt sie? Was ist mit der „eigentlichen“ Heimat? Der Sprache, vor allem dem Aussehen? Kann ein Schwarzer „richtiger“ Deutscher sein? Gut gemeinte Sprüche wie „In unserer Straße wohnen über 120 Nationen“ hört man in Köln wohl genauso oft wie in Berlin. Dieser Satz ist nicht nur grammatikalisch falsch, er geht vielen Einwanderern, deren Kindern und Kindeskindern in deutschen Städten schon lange auf die Nerven. Jugendliche, Alte, Erwachsene oder Kinder sind keine Nationen. Sie haben keine Probleme mit ihrer Identität als – ja, was nun – als Deutsche, Türken, Halbaraber oder Viertelschwarze. Sie haben vielleicht Probleme mit der Ausbildung ihrer Kinder, der sozialen Situation oder mit Rassismus. Oder sie haben Liebeskummer, Streit mit Nachbarn und erleben andere Dramen, viele von ihnen schlagen sich trotzdem damit herum, als die „Anderen“ betrachtet zu werden. Genau deshalb war Radio Multikulti 1994 gegründet worden. Damit das Andere einen hörbaren Ort hat.

Radio Multikulti versuchte eine Eigenschaft Berlins zu beschreiben und mitzuentwickeln: die Kraft der Vielfalt. Unter der Leitung von Ilona Marenbach gelang dies hervorragend. Dafür, dass der Sender ursprünglich Ausdruck eines Widerspruchs war – des deutschen Problems mit der Identität und „den Ausländern“ –, hat er sich großartig gemacht. Nur ein einziger Grund wäre nach aller Vernunft Anlass gewesen, diesen Sender abzuschalten: der unwahrscheinliche Fall, dass der Widerspruch verschwindet.

Nun also Funkhaus Europa. Einige Formate von Radio Multikulti wurden übernommen, nicht jedoch sein Geist. Funkhaus Europa, das seine Berliner Hörer mit einem seltsamen, mafiaparodierenden Jingle begrüßte, der vermutlich lustig sein soll, setzt aufs Plurale: ein bisschen Europa, ein bisschen die große, weite Welt und Menschen „aller Herren Länder“ direkt unter uns. Nichts Schlimmes, keine Probleme, keine Herausforderungen, keine interessanten Geschichten, nur coole, bunte Musik mit netten akzentfreien Moderatoren, die regelmäßig den Anrufbeantworter sagen lassen, wie toll ihr Programm ist. Dazu spielt man mit Klischees und rein deutschem Humor: („lieber Tzaziki auf dem Teller als Terroristen im Keller“), bringt Verbrauchertipps („Fühlt sich der Keks an, wie sich ein Keks anfühlen sollte, dann kann man ihn essen.“) und noch etwas über das wichtige Thema Sprache („Der Teil des Gehirns, der für sprachliche Begrifffindung zuständig ist, heißt Gyrus. Ja, so heißt er und das ist nicht etwa eine Portion Fleisch, die da im Gehirn rumliegt!“). Politisch scheint der Sender jeglichem Konflikt aus dem Weg gehen zu wollen, man will für alle da sein. Dafür gibt es ein Rätsel anlässlich des Revolutionsjubiläums auf Kuba und einen Bericht über einen spanischen Unternehmer, der alle seine afrikanischen Saisonarbeiter an Neujahr zum Essen eingeladen hatte. Radio Multikulti hätte wahrscheinlich über die Demos gegen Israel in der Region berichtet und gewiss erwähnt, dass sich dabei auch wieder die Antisemiten aller Länder zu Worte melden, und damit eine Diskussion angezettelt. Aber immerhin: Funkhaus Europa informiert über die NPD-Demo in Passau. Obwohl das gar nicht im erweiterten Sendegebiet liegt. Doch in Europa allemal.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung.

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