Medien : Al Dschasira bald auf Englisch

Mit westlichen Starjournalisten will der Nachrichtenkanal sein Image aufbessern

Andrea Nüsse[Kairo]

Der arabische Fernsehsender Al Dschasira hat sein erstes prominentes Gesicht für das neue englischsprachige Programm eingekauft: Der britische Talkmaster Sir David Frost, der zuletzt für die BBC „Breakfast with Frost“ moderierte, wird ab 2006 durch eine wöchentliche Talkshow im in Qatar ansässigen Sender führen. Zu diesem Zeitpunkt will Al Dschasira International, ein Ableger des 1997 gegründeten Senders in Doha, auf Sendung gehen und BBC und CNN Konkurrenz machen.

Der 66-jährige Frost, der durch sein Interview mit US-Präsident Richard Nixon nach der Watergate-Affäre berühmt wurde und seither für amerikanische und britische Fernsehsender gearbeitet hat, ist der erste große Name aus dem westlichen Journalismus, der für dieses Projekt bei Al Dschasira anheuert. Er sehe es als eine Herausforderung an, zukünftig nicht nur ein Programm für britisches und amerikanisches Publikum zu machen, „sondern auch für die restlichen sechs Millionen Bewohner der Welt“. Man habe ihm „totale inhaltliche Kontrolle“ zugesichert, sagte Frost. Der Sender brüstet sich in einer Mitteilung damit, dass Frost der einzige Journalist sei, welcher die letzten sieben Präsidenten der USA und die letzten sechs Premierminister Großbritanniens interviewt habe.

Mit der Verpflichtung Frosts will der erfolgreiche und umstrittene Sender, der weltweit etwa 30 Millionen Zuschauer hat, auch sein Image im Westen aufbessern. Die US-Regierung wirft dem Sender anti- amerikanische Berichterstattung vor, der von Washington eingesetzte Regierungsrat erteilte dem Sender im Irak Arbeitsverbot. Insbesondere die Ausstrahlung der Videobotschaften des Terroristen Osama Bin Laden war umstritten, weil sie anfangs unredigiert in voller Länge gesendet wurden. Das Image im Westen wurde weiter angekratzt, als der ehemalige Starreporter Taysir Alouni im September in Spanien zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde, weil er angeblich mit Al Qaida kooperiert haben soll. Alouni hatte in Afghanistan Interviews mit Osama bin Laden gemacht.

Der Sender wehrt sich gegen den Vorwurf der Einseitigkeit mit dem Argument, dass er alle Seiten zu Wort kommen lasse, also beispielsweise auch die US-Regierung und die israelische Regierung. „Wir sind einfache Beobachter, keine Akteure“, beteuert Sprecher Jihad Ballout. In der arabischen Welt ist Al Dschasira zum beliebtesten Sender aufgestiegen, weil er Tabus bricht und den Gegnern der autoritären Regime das Wort gibt.

Den Machthabern dagegen ist er ein Dorn im Auge und wird regelmäßig mit Sende- und Arbeitsverboten belegt: In Algerien ist die Ausstrahlung seit 2004 verboten, in Saudi-Arabien erhält er seit 2003 keine Drehgenehmigung für die Berichterstattung über die Pilgerfahrt und in Iran musste er kritische Cartoons von der Website nehmen. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ kritisierte kürzlich die „andauernde Schikanierung“ des führenden arabischen Senders. Druck der arabischen Regime auf Unternehmen führt dazu, dass der Sender trotz seines Erfolges kaum Werbeeinnahmen hat. Daher ist immer wieder die Privatisierung des von der qatarischen Regierung finanzierten Unternehmens im Gespräch. Andererseits wurde Al Dschasira Anfang des Jahres von PR-Experten weltweit als eines der fünf einflussreichsten Markenzeichen nach Apple, Google, Ikea und Starbucks bestimmt.

Derzeit stellt der Sender neben Frost etwa 200 Mitarbeiter für das englischsprachige Nachrichtenprogramm ein. Das eigenständige Programm soll ab dem 1. Quartal 2006 aus Washington, London, Kuala Lumpur und Doha rund um die Uhr gesendet werden.

Das Washington-Büro, in dem 40 Menschen arbeiten sollen, wird vier Stunden tägliches Programm liefern. Der frühere Sprecher der US-Marine, Josh Rushing, der durch den Dokumentarfilm „Control Room“ über die Berichterstattung über den Irak-Krieg bekannt wurde, wird dort als Reporter arbeiten.

Doch nicht nur das Image-Problem wird es dem neuen englischsprachigen Sender nicht leicht machen, in den USA Fuß zu fassen. Viele Kabel- und Satellitennetzwerke werden es sich aus kommerziellen Gründen überlegen, den Sender auszustrahlen, weil Außenpolitik in den USA nur wenig Interesse findet. Der Leiter von Al-Dschasira-International, Nigel Parson, wäre schon zufrieden, wenn zu Beginn fünf Millionen Haushalte den Sender empfangen könnten.

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