Medien : Albtraum Tschetschenien

Thomas Gehringer

Es ist Krieg, und keiner sieht hin? Der russische Feldzug in Tschetschenien gilt als vernachlässigtes Thema im Fernsehen, doch für die Programmnischen stimmt das nur bedingt. In der bedrückenden Arte-Dokumentation „Weiße Raben – Albtraum Tschetschenien“ erzählen die Autoren Tamara Trampe und Johann Feindt von der Verwüstung, die der Krieg am und im Menschen anrichtet.

Sie heißen Sergej, Petja und Kiril, junge russische Männer, die gleich zu Beginn ihres Dienstes in der Armee nach Tschetschenien geschickt werden. Sie kehren verändert zurück, nicht nur, weil Sergej und Petja im Krieg Gliedmaßen verloren haben. Schweigsam sind sie, unerreichbar für die Eltern und Freunde. „Ich versuche mich nicht zu erinnern“, sagt Petja. Kein Lächeln huscht mehr über das Gesicht. Im Familienvideo vom Abschiedsfest vor dem Eintritt in die Armee ist er noch ein großes, glatzköpfiges Kind, er spielt Gitarre und flirtet mit den Mädchen. „Mein Sohn ging freiwillig“, erinnert sich sein verzweifelter Vater. Er war damit im Prinzip einverstanden, denn im Krieg werden ja die Jungen zu Männern, heißt es. Doch nun ist Petja ein Fremder, ein Krüppel, vielleicht ein Mann, aber ohne Perspektive und lebenslang gezeichnet. Ein weißer Rabe unter lauter schwarzen. Bei Kiril, aus dessen liebenswürdigen Briefen die Autoren zitieren, liegt die Sache anders: Er ist scheinbar unversehrt heimgekehrt. Doch dann begeht er ein furchtbares Verbrechen.

Die Verstümmelung und Verrohung der russischen Soldaten wird mit der Gewalt gegen tschetschenische Frauen kontrastiert. Die Täter sind Opfer und bleiben doch Täter.

„Weiße Raben“, 22 Uhr 25, Arte

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