Alfred Biolek : "Dann sollen sie ,Wetten, dass..?‘ eben absetzen"

Alfred Biolek im Gespräch über die ungeklärte Zukunft der ZDF-Show, den TV-Talk, das öffentlich-rechtliche Fernsehen - und die Frage, warum er sich als Ort für seinen Bühnentalk "Biogramm" ausgerechnet Wuppertal ausgesucht hat.

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Mann des Jahres: Die Zeitschrift „GQ“ hat Alfred Biolek in diesem Jahr diesen Titel zugesprochen. Seine Fernsehkarriere hat Biolek lange beendet. Im „Barmer Bahnhof“ in Wuppertal talkt er aber weiter mit seinem „Biogramm“ auf der Bühne. Foto: Steffi Loos/dapd
Mann des Jahres: Die Zeitschrift „GQ“ hat Alfred Biolek in diesem Jahr diesen Titel zugesprochen. Seine Fernsehkarriere hat Biolek...Foto: dapd

Herr Biolek, vor 38 Jahren hat Ihre Talk-Karriere in Köln auf der Bühne begonnen. Warum sind Sie nach vielen Jahren jetzt mit „Biogramm“ noch einmal auf die Bühne zurückgekehrt?

Was sollte ich sonst machen?! Talk ist das, was ich kann. Die Sache mit dem Fernsehen aber, die ist ein für allemal beendet. Irgendwann kommt ein Punkt, wo man sagt: „Jetzt reicht es.“ Aber noch einmal talken – warum nicht?! Zudem kam die Idee dazu nicht von mir, sondern wurde mir angetragen.

Warum in Wuppertal?

Weil ich Anfang der 90er Jahre beteiligt war am „Barmer Bahnhof“, einer wunderbaren Veranstaltungsstätte. Als der neue Besitzer, der Wiener Opernbass Kurt Rydl, und die heutigen Veranstalter mich fragten, ob ich Interesse an einem Talk vor Publikum hätte, habe ich gerne zugesagt. So konnte ich zuletzt alle zwei Monate Gäste begrüßen, die einen Bezug zu Wuppertal haben.

Es soll dabei auch warme Küche gegeben haben ...

Das stimmt. Dem Publikum wurde in der Pause etwas serviert, und meine Gäste und ich haben auch probiert.

Gute Gespräche und kulinarische Genüsse, „Boulevard Bio“ und „alfredissimo!“, ist das die Königsdisziplin?

Vielleicht. Aber mit „alfredissimo!“ hat das nichts zu tun, denn ich koche bei „Biogramm“ nicht selbst und auch die Rezepte sind nicht von mir.

Ihrem ehemaligen Sender ARD haben Sie mit „Bios Bahnhof“, „Boulevard Bio“ und „alfredissimo!“ Blaupausen geliefert, mit denen man heute gefühlt die Hälfte des Programms bestreitet. Ehrt Sie das oder haben Sie Geister gerufen, die man nun nicht mehr los wird?

Die Art und Weise, wie wir damals Fernsehen gemacht haben, gibt es kaum noch. Das liegt daran, dass sich so vieles in unserem Leben verändert hat. Ich bin aber der Letzte, der sagt: „Das ist jetzt alles schlechter.“ Nein, es ist anders. Es ist einfach Veränderung.

Von Sonntag bis Donnerstag vergeht in der ARD kein Abend, an dem nicht getalkt wird. Bedauern Sie diese geistige Armut des öffentlich-rechtlichen Fernsehens?

Ich weigere mich zu beurteilen, ob das jetzt schlechter ist. Ich sage nur: Es ist anders, so wie sich in vielen Lebensbereichen die Dinge geändert haben. Heute kann man für 50 Euro wer-weiß-wohin fliegen, das hat es damals alles nicht gegeben. Und genauso hat sich auch das Fernsehen verändert. Man hat viel aus den USA übernommen. An einem Tag wird der beste Koch gewählt, am nächsten die beste Sängerin und am dritten der beste Tänzer.

Haben sich die öffentlich-rechtlichen Sender zu sehr an diesen Formaten der Privaten orientiert?

Das ist eindeutig so! Dafür gebe ich auch der Politik die Schuld, weil die den Senderverantwortlichen nie signalisiert hat: „Es spielt keine Rolle, wie hoch eure Quote ist. Für uns ist es das Wichtigste, dass es weiterhin ein eigenständiges öffentlich-rechtliches Fernsehen neben den privaten Sendern gibt.“ Das hätte verhindern können, dass sich die Öffentlich-rechtlichen wegen der Quote inhaltlich an den Privaten orientieren.

War das der Grund, warum Sie Ihre TV-Karriere beendet haben?

Wenn ich jetzt Nein sage, hat das nichts mit der Qualität des heutigen Fernsehens zu tun, sondern mit meinem Alter. Es kommt so ein Punkt, wo man sagt: Jetzt musst du aufhören. Es gibt ein paar frühere Kollegen, die zu spät aufgehört haben.

Zum Beispiel?

Namen nenne ich nicht, einige sind schon lange tot. Diese Kollegen waren sehr berühmt, dann aber wurde die Sendung abgesetzt, mit der sie sich ihre Berühmtheit erarbeitet haben. Statt aufzuhören, haben sie dann andere Formate moderiert. Ich finde aber, man sollte immer auf dem Höhepunkt aufhören.

Ein wenig Wehmut scheint da mitzuklingen, immerhin hat man für Ihre Art des Fernsehens den Begriff vom „Hochamt gepflegter Unterhaltung“ geprägt ...

Kritiken in Zeitungen lese ich schon seit vielen Jahren nicht mehr. Da mögen positive Sachen über mich stehen, aber noch mehr negative. Ich kann mich noch gut erinnern, als Helmut Kohl bei mir zu Gast war. Seit es Fernsehen gibt, ist wohl noch nie einer so verrissen worden wie ich damals. Man hat mich förmlich in der Luft zerrissen! Warum? Weil ich diesen Mann als Mensch eingeladen habe und nicht als Politiker. Das war mein Konzept. Ich habe immer gesagt: Mich interessiert dieser Typ, dieser Mensch. Und das wurde mir sehr übel genommen.

Auch heute bekommen manche Kollegen ihr Fett weg: „Günther Jauch“ sollte der große politische Talk werden, für den man „Anne Will“ aus ihrem Paradies am Sonntagabend vom Sendeplatz vertrieben hat. Jauch aber muss sich nun eine „gefällige Service-Sendung“ und „RTL-Niveau“ vorwerfen lassen. Wie ist Ihr Eindruck?

Ich gucke so gut wie kein Fernsehen und habe diese Sendung noch nie gesehen.

Gibt es einen Talkmaster, dem Sie sich uneingeschränkt als Gast anvertrauen würden?

Ja, den meisten. Auch wenn mir die Art, wie das gemacht wird, nicht so gut gefällt. Mag sein, dass es den einen oder anderen gibt, wo ich sagen würde: „Da würde ich nie hingehen.“ Mir fällt aber jetzt kein Name ein.

Hatten Sie einen Wunschgast, der nie gekommen ist?

In Wien durfte ich noch Leonard Bernstein kennenlernen. Er sagte: „Ich habe gehört, Sie haben eine Talkshow. Ich würde gerne kommen, aber ich reise deswegen nicht extra nach Köln.“ Also hätten wir die Sendung damals in Wien machen müssen. Außer den Sendungen in einem Frauen- und einem Jugendgefängnis, einer Männervollzugsanstalt und mit Lech Walesa in Warschau sowie anlässlich einer Konferenz mit Wladimir Putin in Weimar aber sind wir immer im Studio geblieben. Selbst den Dalai Lama habe ich in Köln empfangen.

Haben Sie aus Rücksicht auf Ihre Gäste schon mal auf Fragen verzichtet, die im Raum standen?

Das mag sein, hing aber immer von der Person ab.

Nimmt man diese Rücksicht heute nicht mehr?

Das kann sein. Heute ist der Druck sicher größer, dem Gast etwas Besonderes zu entlocken. Schließlich gibt es jeden Tag eine Talkshow, während ich zu Beginn ein Unikat war.

Ein Unikat ist auch „Wetten, dass...?“, wo die Moderatoren-Frage zuletzt der größte TV-Aufreger war und von „Bild“ gar als „Drama“ tituliert wurde. Zeigt das den Zustand unserer (Medien-)Gesellschaft?

Ja.

Wie denken Sie über den Wirbel um „Wetten, dass...?“?

Ich lese in der Zeitung, dass Hape Kerkeling und andere abgesagt haben, und nehme das zur Kenntnis. Ich habe 40 Jahre lang in diesem Medium gearbeitet, also lese ich es, aber es interessiert mich nicht besonders. Ich denke: Dann sollen sie die Sendung eben absetzen.

Haben Sie am 3. Dezember bei der letzten Gottschalk-Sendung eingeschaltet?

Nein.

Wann schalten Sie den Fernseher überhaupt ein, für die „Tagesthemen“?

Nein. Ich lese am nächsten Morgen die Zeitung.

Das Interview führte Andreas Kötter.

In seinem ersten Berufsleben arbeitete der promovierte Jurist Alfred Biolek, 77, in einer Münchener Kanzlei, bevor er 1963 in die Justiziarabteilung des ZDF eintrat – um bald auf die redaktionelle Seite zu wechseln, unter anderem als Moderator der „drehscheibe“. 1976 lud Biolek erstmals im WDR zum „Kölner Treff“. „Bios Bahnhof“ war seine erste selbst produzierte und moderierte Talk-Sendung. Es folgten „Boulevard Bio“ und „alfredissimo“ . Biolek war immer auch unternehmerisch tätig. Seine Pro GmbH hat Sendungen wie „Mitternachtsspitzen“ und „Menschen bei Maischberger“ produziert.

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