Alfred Döblin : Der Amokläufer unter den Autoren

Frauenpower, Nervenschwäche und der arme Berliner Osten - ein 3sat-Themenabend zum 50. Todestag des Schriftstellers.

Kathrin Hillgruber

„Es geht eine Art Rauschzustand durch die Briefe, der entschieden pathologischer Natur ist“, schrieb der Nervenarzt Alfred Döblin nach Aktendurchsicht eines aufsehenerregenden Prozesses am Berliner Landgericht im Jahr 1923. Eine untergründige Spannung, einen sich steigernden Rausch durch elektrisierende Nüchternheit erzeugt ebenso die Lektüre von Döblins Kriminalerzählung „Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord“. So zeit- und milieugetreu verfilmte Axel Corti 1978 diesen literarischen Tatsachenbericht, dass man das Berliner Eisbein mit Erbsenpüree förmlich zu riechen glaubt und die Gegner der Weimarer Republik auf den Straßen brüllen hört. Berichtet wird vom Geschick der jungen lebensfrohen Friseurin Elli. Sie reist aus Braunschweig an, um in der Hauptstadt ihr Glück zu suchen. Sie heiratet den ernsten Tischler Link (Stefan Wigger), einen Kommunisten, der sie in seiner hilflosen Liebe immer häufiger misshandelt: „Er hänselte sie wie ein Insekt.“ Beide Hauptdarstellerinnen agieren großartig: Elli, gespielt von Ulrike Bliefert, lernt die zunächst herb und verschlossen wirkende Grete (Erika Skrotzki) kennen und über einen fieberhaften Briefwechsel lieben. Eine Abhängigkeit folgt auf die andere. Im grauen Meer der Hinterhöfe, kontrastiert durch Zug- und Dampferfahrten, gerät Elli in einen schicksalhaften Strudel, aus dem sie glaubt, sich nur durch die Vergiftung ihres Ehemanns retten zu können: „Sie blickte immer mehr auf ihren Stern, das war der Mord.“

Die Verfilmung von „Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord“ beschließt einen Themenabend, den 3sat anlässlich des 50. Todestages des immer noch verkannten und in weiten Teilen unentdeckten Schriftstellers ausstrahlt. Am 26. Juni 1957 starb Alfred Döblin mit 78 Jahren im Landeskrankenhaus Emmendingen bei Freiburg. Das war makabererweise ausgerechnet jene neurologische Klinik, in der er als angehender Arzt famuliert hatte. Voller Enttäuschung hatte das Ehepaar Döblin 1953 dem unter Amnesie leidenden Nachkriegsdeutschland den Rücken gekehrt – jenem Land, in dem er sich „überflüssig“ fühlte, wie Döblin an Bundespräsident Theodor Heuss schrieb.

 Ob mörderisch fehlgeleitete Frauenpower, die Nervenschwäche eines Fabrikdirektors, der sich im Konkurrenzkampf verzehrt und eine Phobie vor dem Wort „Reinickendorf“ hegt (in dem Roman „Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine“) oder die horrenden psychischen Folgen der berühmten „Ermordung einer Butterblume“: Besonders in seiner ersten Schaffensphase bis zur erzwungenen Emigration im Februar 1933 schöpfte Alfred Döblin aus den wunderlichen Fällen, die er im armen Berliner Osten zu betreuen hatte. In seinen autobiografischen Schriften heißt es: „Ich bin Arzt und habe eine große Abneigung gegen Literatur. Viele Jahre habe ich keine Zeile geschrieben. Wenn mich der ‚Drang’ befiel, hatte ich Zettel bei mir und einen Bleistift, kritzelte in Hochbahnwagen, nachts auf der Rettungswache oder abends zu Hause. Alles Gute wächst nebenbei.“

1929 folgte dann mit „Berlin Alexanderplatz“ ein Roman, der zum Welterfolg wurde, aber auch zu einer Art Fluch, da er beim Publikum die Wahrnehmung des überaus reichen Döblin’schen Erzählkosmos verengte. Er sagte über sich: „Ich habe einen Bahnhof in mir, von dem gehen viele Züge aus.“ Diese Züge führen etwa in seinem expressionistischen Debüt „Die drei Sprünge des Wang-lun“ nach China, mit „Wallenstein“ in den Dreißigjährigen Krieg oder mit der „Amazonas“-Trilogie zu den hämmernden Sumpfhühnern und schreienden Affen im Regenwald. „Das Land ohne Tod“ nannte Döblin Amazonien. Der vierfache Vater (den unehelichen Sohn Bodo nicht mitgerechnet) imaginierte es in den Nöten des Pariser Exils.

Günter Grass stiftete einst aus den Tantiemen des „Butt“ den Alfred-Döblin-Preis. Seit Jahrzehnten setzt er sich unermüdlich für die Rezeption jenes Autors ein, den er mit sympathischer, ungewohnter Demut als seinen „Lehrer“ bezeichnet. Jürgen Miermeister blendet die Gespräche mit Grass und Günter Lamprecht, Fassbinders Franz Biberkopf in der Verfilmung von „Berlin Alexanderplatz“, als Basso continuo in sein essayistisches Porträt vom „Adler und Amokläufer“ Döblin ein. „Der Leser verliert sich in diesen Büchern und taucht unter Umständen als ein anderer wieder auf“, wiederholt Grass sein leidenschaftliches Plädoyer. Marcel Reich-Ranicki hingegen versteift sich auf das Etikett vom Amokläufer, das er dem ebenso „schwierigen“ wie einzigartigen Erneuerer der Prosasprache anheften will. Alfred Döblin als ein Fall für ältere Herren? Dieser Eindruck drängt sich bei Miermeisters recht konventionellem Film schleichend auf. Doch „Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord“ oder ein wahlloser Griff in die Gesamtausgaben bei dtv und im Walter Verlag belehren umgehend eines Besseren.

„Alfred Döblin: Adler und Amokläufer“, 21 Uhr 15, „Die beiden Freundinnen“, 22 Uhr 25, beides 3sat

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