Medien : All die schönen Blumen

„Die Bühnenrepublik: Theater in der DDR“ - eine 3sat-Dokumentation zeigt, wie sich die kühnsten Künstler in der Diktatur durchsetzen konnten

Kerstin Decker

Das hier ist ein Film über Theater. Aber die Musik klingt nach Winnetou und Old Shatterhand. Nach Wehmut über der Prärie bei Sonnenuntergang, während die Kamera über die Landkarte der DDR streift. War das denn Prärie? Überall Theater, ein ganzes Land voller Theater, der Film zeigt es. Vielleicht haben die Autoren die Western-Sonnenuntergangsmusik drübergelegt, weil die Ostler schließlich auch nur Indianer waren. Indianer und Ostler, zwei untergegangene Kulturen, „abgeschlossene Sammelgebiete“, wie die Historiker sagen. Alle Historiker werden euphorisch, sobald sie einem „abgeschlossenen Sammelgebiet“ begegnen, und dann spielen sie eben solche Musik.

Allerdings ist nichts so schwer, wie ein ganzes abgeschlossenes Sammelgebiet in einem einzigen Film unterzubringen, auch wenn er zwei Teile hat. So dass alles am Ende wirklich (fast) vollständig ist und trotzdem nicht aussieht wie ein übergeschnapptes Inhaltsverzeichnis. Die Autoren Thomas Irmer und Matthias Schmidt haben das geschafft. Ihre Aussage lautet: Ja, da war was. Es gab ein mächtiges Theater in der DDR. Christoph Hein sagt am Ende, dass ein rauheres Klima manchmal schönere Blumen hervorbringt, obwohl das keineswegs für das rauhere Klima spräche.

„Schönere Blumen“? Anfang der Neunziger wären solche Auskünfte undenkbar gewesen. Damals galt das Diktum: Die Blumenerden von Diktaturen sind grundsätzlich unfruchtbar. Wo Diktatur ist, wächst nichts. Irmer und Schmidt untersuchen nun alle Blumentöpfe einzeln und über die Jahrzehnte hinweg. Es gab solche Riesenkübel wie das Berliner Ensemble und Provinztöpfe wie Anklam oder Schwerin, die dennoch zeitweise zur Avantgarde aufstiegen.

Begonnen hat alles am 7.9.1945. Das Deutsche Theater spielte wieder: „Nathan der Weise“ mit Paul Wegener in der Hauptrolle, der eben noch Staatsschauspieler bei den Nazis war. Der Regisseur war Fritz Wisten und kam aus dem KZ. Was für ein Neuanfang! 1947 dann am selben Haus „Die russische Frage“ von Konstantin Simonow. Die Amerikaner waren dagegen, solche Fragen überhaupt zu stellen auf einer deutschen Bühne, das Theaterland begann sich zu teilen. Brecht kam in die DDR, wenige Tage vor dem 17. Juni 1953 hatte er sein eigenes Theater bekommen. „Die Bühnenrepublik“ nimmt sich Zeit für Brecht und dieses Datum, man hätte einen eigenen Film darüber machen können. Da erlebt einer, wovon er immer geträumt hatte, auch in seinen Stücken: einen Arbeiteraufstand, nur eben so ganz anders – und wird darüber noch einmal zum Dichter („Buckower Elegien“). Sein Theater aber steigt auf zum gesamteuropäischen „Leuchtturm“, wie ein verflossener Berliner Kultursenator sagen würde, mit Gastspielen überall – bis auf Westdeutschland natürlich. Vielleicht hat niemand die Utopie des DDR-Landes tiefer gekostet als sein Theater und niemand sich radikaler von ihr verabschiedet als sein Theater. Das lässt in der Tat seltene Blumen blühen. Wer beides zugleich macht – Träumen und Abschied nehmen – existiert unter einer merkwürdigen Hochspannung, die zugleich die des Theaters selbst ist, träumendes Abschied nehmen eben. „Die Bühnenrepublik“ verfolgt seine Stationen über Benno Bessons „Volksbühne“ bis zu Castorfs Anklamer Theater in den Achtzigern.

Niemand stand so für diese Spannung wie Heiner Müller. Die Premiere seiner „Umsiedlerin“ nach dem Mauerbau mündete in die „größte Bestrafungsaktion der DDR-Theatergeschichte“. Irmer und Schmidt haben sich einen gutgelaunten Tragelehn vor die Kamera geholt, den „Umsiedlerin“-Regisseur, der gleich darauf Arbeiter wurde. Während der Premierenfeier bemerkte Tragelehn erste Unheilszeichen. Da könne er ja gleich die Bautzener Gefängnisfestspiele eröffnen, klopfte ihm einer auf die Schulter. „Die Bühnenrepublik“ vergisst auch nicht Wolf Biermann, der ja nirgends mehr auftreten durfte und singend durch die Theaterkantinen der Hauptstadt zog. Der Film registriert die Anfänge des DDR-Regie-Theaters, vor allem aber vergisst er nicht die „Provinz“ von Schwerin bis Halle und Dresden, heimliche Theaterhauptstädte auch sie.

Ulrich Mühe und Katharina Thalbach führen durch den DDR-Theater-Bilderbogen, der manchmal zu schnittmusterbogenhaft gerät und bis zum Untergang Dänemarks reicht. Schon bei Shakespeare war Dänemark am Ende nicht reformierbar, außerdem liegen Dramatikern Untergänge ohnehin viel mehr als Reformen. Wer die „Bühnenrepublik“ auf 3sat verpasst, kann sie in den nächsten Monaten auf dem ZDF-Theaterkanal sehen. Und bald erscheint im Berliner Alexander-Verlag das Buch zum Film.

„Die Bühnenrepublik: Theater in der DDR“, 3sat, heute um 19 Uhr 10, Pfingstmontag um 19 Uhr 15.

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