Medien : Alle gegen Rosa

„Der Tote am Strand“, ein starker Ensemblefilm

Thilo Wydra

Wie muss sich das anfühlen, wenn man nach vielen Jahren aus dem Ausland in die Heimat zurückkehrt, und einen niemand vermisst hat, nicht einmal die Familie? Es muss ein bitteres, stechendes Gefühl sein. Mit genau diesem Gefühl läuft Rosa Liebmann (Silke Bodenbender), Anfang 30, durch Heiligendamm an der Ostsee, dort, wo sie nach 15 Jahren urplötzlich wieder auftaucht. Als sie zu Hause anruft und ihren Vater Friedrich (Hans Peter Hallwachs), der nun 70 wird und dies gebührend feiert, am Apparat hat, da legt dieser den Hörer weg und ruft, es solle mal jemand den Anruf annehmen. Nur eine weitere seiner kleinen Demütigungen. Anderntags wird er tot im Strandkorb aufgefunden. Von Rosa. Friedrich Liebmann, ihr Vater, wurde erschossen.

Just am Tag, als Rosa nach 15 Jahren plötzlich auftaucht, wie der Rest der Familie zu konstatieren weiß. Mit diesem Rest der Familie ist es denn auch nicht sonderlich weit her. Alle verhalten sich irgendwie seltsam, sobald Rosa den Raum betritt, scheint jeder aus einem anderen Grund zu verstummen. Es ist dieses beredte Schweigen. Als Rosa abends einmal mit ihrer Mutter Camilla (Monica Bleibtreu) nebeneinander auf dem Bettrand sitzt und die Hand der Mutter nimmt, da zieht diese sie rasch weg und steht auf. Auch Rosas Geschwister, ihre Schwester Regina (Birge Schade) und deren Mann Ole (Matthias Brandt), Bruder Achim (Justus von Dohnányi) und Gattin Eva (Esther Esche) leben allesamt ein Leben der Lügen und Geheimnisse. Jeder druckst hier herum. Zumal einer den „Papa“ auf dem Gewissen haben muss.

Der Einzige überhaupt, den Rosas Rückkehr bewegt und interessiert, der die Dinge und Gefühle beim Namen nennt, das ist ausgerechnet der ermittelnde Kommissar (Stephan Kampwirth). Finn war damals, bevor Rosa in die USA verschwand, mit ihr zusammen. Sie fliehe immer, sie flüchte und renne weg, vor sich, vor dem Leben, sagt Finn zu Rosa. Sie will es nicht hören.

„Der Tote am Strand“ ist ein wunderbarer Ensemble-Film, inszeniert von Martin Enlen, geschrieben von Daniel Douglas Wissmann nach Barbara Krohns Roman „Rosas Rückkehr“. Die Darsteller, sie sind allesamt präzise und authentisch in ihrem Spiel. Einen Namen gilt es sich dabei zu merken: Silke Bodenbender, bisher noch nicht so sehr vor der Kamera in Erscheinung getreten. Sie verleiht dieser suchenden, ungeliebten und doch so starken Frau eine Wahrhaftigkeit und Tiefe, die beeindruckt. Theater spielt Silke Bodenbender viel, zuletzt am Schauspielhaus Düsseldorf; bei Dieter Wedel war sie in „Mein alter Freud Fritz“ dabei und auch in Martin Enlens „Eine folgenschwere Affäre“. Hier nun, erneut unter der Regie des krimierfahrenen Enlen, füllt sie die einzige Hauptrolle im heruntergedimmten Gefühlsdrama aus. Wie sehr ein Gesicht des Ungeliebtseins wegen verhärten kann, das bleibt bei Silke Bodenbender nachhaltig haften. Thilo Wydra

„Der Tote am Strand“, ZDF, 20 Uhr 15

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