Medien : Alle ihre Feinde

Eindrucksvoller RBB-„Tatort“ über eine Anschlagsserie in besseren Kreisen

Katrin Hillgruger

Wolfgang Petersen drehte einmal einen bis zur letzten Sekunde packenden Zweikampf zwischen einem Professor aus einer grünen Villengegend und einem heruntergekommenen Studenten irgendwo aus West-Berlin, der ihn mit Plagiatsvorwürfen erpresste. „Einer von uns beiden“ aus dem Jahr 1973 hieß er, und die Duellanten um Leben und Tod waren Klaus Schwarzkopf und Jürgen Prochnow, schon physiognomisch ein Gegensatzpaar. Jedesmal, wenn der untersetzte Soziologie-Professor (Schwarzkopf) sein mutmaßlich in Zehlendorf gelegenes Gründerzeit-Haus mit Kassettendecken und Perserbrücken verließ, um sich seinem hageren Kontrahenten Ziegenhals irgendwo in Kreuzberg zu stellen oder ihn seinerseits unter Druck zu setzen, war von Unfall bis Explosion mit dem Schlimmsten zu rechnen.

Eine ganz ähnliche Atmosphäre der Bedrohung liegt in dem jüngsten RBB-„Tatort“ namens „Kunstfehler“ in der guten Luft von Werder, wenn die Unternehmensberaterin Christina Lehndorff (wie immer sehr ernst: Katja Flint) morgens in die City fährt, um ihrer lukrativen Tätigkeit in einem Büro mit Panoramablick nachzugehen. Denn kurz nachdem sie ihrer verflossenen Liebe Till Ritter, dem Berliner Kommissar, in einem Sportgeschäft wiederbegegnet ist, scheint ihr jemand nach dem Leben zu trachten. Frau Lehndorffs Feind jedoch bleibt quälend lange unsichtbar – das macht die Spannung dieses novembertrüben Krimis wesentlich aus. Zunächst gelingt es einer schwarzen Gestalt im Gebüsch, den Lehndorff’schen Hund zu vergiften, obwohl er eigentlich nur Futter von vertrauten Personen annimmt. Als Christina anderntags im Beisein der Kommissare in ihr Auto einsteigen will, explodiert es, und sie wird am Kopf verletzt. Von diesem Moment an wirkt die kleine Wunde an ihrer Schläfe wie ein Menetekel.

Die Lehndorffs sind eine Bilderbuchfamilie der gehobenen Kategorie: Der Vater gilt in seiner Klinik als äußerst fähiger und dazu noch charmanter Unfallchirurg, die 13-jährige Tochter Sophie übt verbissen am Klavier für „Jugend musiziert“. Kein Wunder, dass der etwas verschreckt wirkende Klavierlehrer (Rainer Strecker), ein Konzertpianist mit Karriereknick, in der Villa ganz selbstverständlich ein- und ausgeht und zum wichtigsten Vertrauten der Tochter wird – gespielt von Hanna Schwamborn.

„Immer noch der Metzger?“, hatte Till Ritter gefragt, als er beim unverhofften Wiedersehen mit Christina über ihren Ehering strich. Er selbst konnte ihr als notorische Spielernatur nicht genug Sicherheit bieten. Doch mit dem Chirurgen, den der Krimi-Routinier Helmut Zierl wie stets mit zwiespältiger Freundlichkeit versieht, ist sie auch nicht glücklich geworden. „Hier geht alles zugrunde, und du lügst einfach weiter!“, wirft sie ihm in der blitzblanken Einbauküche vor, als sie seine heimlichen Überweisungen auf ein Schweizer Nummernkonto entdeckt. Ist dem scheinbar unfehlbaren Dr. Lehndorff ein Kunstfehler unterlaufen, der zu der Attentatsserie führte? Und hat er möglicherweise ein Verhältnis mit einer OP-Schwester, deren verbitterter Mann zu Frau Lehndorffs Klienten gehört? „Misserfolg ist doch kein Mordmotiv“, antwortet Christina auf Ritters Verdacht, der selbstständige Grafiker habe sich für seinen Konkurs an ihr rächen wollen. Der sanfte Reiz der Vergeblichkeit, die Trauer um eine verpasste Liebe, legt sich über Dominic Raackes zwanzigsten Berliner „Tatort“-Einsatz, der harmlos beginnt, sich in seinen Gefahrenmomenten stetig steigert und die Ermittler Ritter und Stark (stets der ruhende Pol: Boris Aljinovic) eklatant ratlos macht. Dabei fällt angenehm auf, wie sachlich und zurückhaltend Regisseur Hartmut Griesmayr das Duo agieren lässt. Die postpubertären Volten unter Föhneinfluss, denen die Münchner Kollegen bis zum Exzess frönen, oder das Schmollen unter Kölsch-Einfluss der Kölner Kommissare (von Münster ganz zu schweigen) sind in den letzten Berliner Produktionen zum Glück kaum ein Thema. Hartmut Griesmayr, der viele „Bienzle“-Fälle inszenierte, drehte mit „Kunstfehler“ nach einem Buch von Pim Richter seinen 25. „Tatort“ und den ersten für den RBB. Krimis hält er für die „beste Schule, weil sie den Regisseur zwingen, spannend zu erzählen“. Das Ende dieses „Tatorts“ lässt er auf einen Showdown zweier Männer zulaufen, bei dem es heißt: einer von uns beiden.

„Tatort: Kunstfehler“; Ostermontag um 20 Uhr 15, ARD

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